Luxor-Westbank

 

 

 

 

 

Mit Re nach Mit Rahina

Ramses II. hat das tosende Kairo satt, möchte heimkehren

Eine Glosse vom Januar 1999

Die Taxifahrer von Kairo sind stolz auf sie. "Da steht Ramses II.", zeigen sie jedem Neu-Ankömmling auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt die Kolossal-Statue auf dem nach dem Gott-König (1279 bis 1212 v. Chr.) benannten Platz (Foto unten). Doch der vom Smog gebeutelte Koloss soll umziehen. Aber wohin? Monatelang dauerte der Streit. Jetzt haben die Experten entschieden: Der einzige Ort ist Mit Rahina. Die alte Reichshauptstadt Memphis, wo die Figur gefunden wurde. Ein Gott soll wieder heimkehren.

Doch bevor der Sonnenkönig die Heimreise antreten kann, soll Mit Rahina touristisch besser erschlossen werden. Und: Das Transport-Problem muss gelöst werden. Dr. Zahi Hawass, als Direktor des Pyramiden-Plateaus von Giza auch für Mit Rahina zuständig (mittlerweile ist er General-Sekretär der Obersten Antikenverwaltung, Anm. d. Red.): "Das kann wohl nur die Armee."

Das heißt für den leidgeprüften Ramses wahrscheinlich wieder: Warten. Doch dessen ist er überdrüssig. Deshalb wandte er sich an den NIL EXPRESS. Um die zuständigen Behörden zur Eile anzutreiben. Hier seine Botschaft:

"Hört die Stimme Ramses II., die Stimme des Königs aller Könige. Die Stimme des Pharaos, der 66 Jahre lang über Ägypten herrschte. Die Stimme des Siegers und Friedensstifters von Kadesch. Die Stimme des größten Bauherrn aller Zeiten. Die Stimme des Lieblings und der Verkörperung von Amun-Re. Hört den Hilferuf des Gott-Königs.

Was habe ich Euch denn getan, dass Ihr mich altersschwachen Greis noch länger vor dem Hauptbahnhof festhalten wollt? Ich gebe ja zu, dass mich das bunte Gewimmel, das emsige Treiben auf dem Vorplatz anfangs köstlich amüsierte. Besonders, wenn die gerissensten Gauner der Stadt wieder mal irgendeinem dahergelaufenen oberägyptischen Bauernlümmel den Hauptbahnhof, die Mohamed Ali Moschee oder ein anderes wichtiges Gebäude Kairos ´verkauften´. Meine mächtige Gestalt schüttelte sich wahrlich kolossal vor Lachen.

Aber genug ist genug! Meine Lachmuskeln sind schon längst erschlafft. Meine Füße sind wackeliger und mein Kopf tattriger denn je. Der Steinkrebs und der Zahn der Zeit zernagen meinen Körper. Von Auspuffgasen, Straßenlärm und Zug-Gerattere gar nicht zu reden.

Oh lasst mich dieser Hölle entfliehen. Schickt mich nach Mit Rahina! Warum seid Ihr denn so undankbar? Habe ich Euch nicht gewaltige Bauwerke geschenkt? Wie die Tempel-Anlagen von Luxor und Abu Simbel oder das Ramesseum. Habe ich Euch nicht riesige Kolosse, meine Ebenbilder, hinterlassen, die Jahr für Jahr Millionen von Touristen ins Land locken? Profitiert Ihr nicht noch immer von meiner einstigen Bauwut? Weshalb fürchtet Ihr dann nicht meinen jetzigen Zorn?!

Ihr wisst doch genau, was ich alles durchgemacht habe. Eines meiner größten Standbilder, eine mehr als 1000 Tonnen schwere, 18 Meter hohe Statue aus grauem Granitgestein ging bei dem großen Erdbeben von 27 v.Chr. in die Brüche (Anm. d. Red.: der Oberkörper, etwas versteckt auf dem Gelände darunter die Füße und Hände davon sowie eines der besterhaltensten Portraits des Königs, ein wunderschöner Kopf aus schwarzem Assuan-Granit können noch heute im Ramesseum, dem herrlichen, von Touristen-Gruppen noch relativ wenig besuchten Totentempel in Theben West, in aller Ruhe betrachtet werden, Bilder rechts und unten), andere zerbarsten oder wurden zertrümmert. Meine mit unvorstellbarem Reichtum und Glanz gesegnete Reichshauptstadt Memphis zerfiel, verrottete unrühmlich, geriet nahezu in Vergessenheit.

Was war denn schon noch Sehenswertes von ihr übriggeblieben, als ich nach mehr als 1000jährigem Schlaf erwachte und mich dort umsah? Nichts – ich sah absolut nichts! Ich fand nur ein verschlafenes, melancholisches Örtchen vor. Mit Rahina, in das sich nur einige wenige Touristen verirrten – aus Respekt vor der einstigen Glorie Memphis. Mit Rahina – in den meisten Reiseführern nur beiläufig erwähnt.

Aber genau dorthin, in dieses noch von der Umweltverschmutzung verschonte Mit Rahina möchte, nein will ich schon aus gesundheitlichen Gründen zurückkehren. Und zwar möglichst schnell! Auch sehne ich mich nach meinen Verwandten. Denn dort liegt mein unprominenter Zwillings-Koloss in einem in glückseliger Vergessenheit schlafendem Museum.

Meine Geduld ist wirklich zu Ende! Habe ich nicht lange genug allen Unfug geduldig ertragen? Habe ich etwa meine Stimme erhoben, als man in Ägypten eine Zigarettenmarke, einen Autotyp, einen Platz oder unzählige Hotels im ganzen Land nach mir benannte? Bin ich nicht kolossal cool geblieben, als so ein unwissender Amerikaner einen „birth control device“ – das muss irgendetwas mit Geburtenkontrolle zu tun haben – mit meinem Namen geziert haben soll (Nach der Entdeckung des Grabes von Tut-ench-Amun 1922 durch Howard Carter und dessen Gönner Lord Carnarvon setzte bekanntermaßen rund um den Globus eine wahre Ägypto-Manie ein, in dieser Zeit wurden tatsächlich Kondome mit dem Namen "Ramses" verkauft; Anm. d. Red.)? Mit dem göttlichen Namen Ramses, mit dem Namen des Erzeugers von – wie Ihr munkelt – zwischen 90 und 180 Kindern (niemand weiß es genau und ich hülle mich in göttliches Schweigen)! War ich nicht immer stolz auf meine Brut?

Weshalb schauen sich denn die Leute in Luxor und Abu Simbel nicht richtig um? Da hüpfen doch die lieben Kleinen ganz lieblich auf den Reliefs und den Fußzehen meiner Kolosse herum. Da schmiegen sich doch meine Weiber und Töchterchen schutzbedürftig in der Wadengegend an mich!

Nun denn. Ich will Euch ja weiter helfen. Mit meinem Namen, mit meinen Bauten. Aber ich will endlich meine Ruhe. Weg von diesem schrecklich lärmenden Bahnhofsplatz, zurück nach Mit Rahina!

Weshalb könnt Ihr denn nicht ein bisschen nett sein, mir diesen kleinen Wunsch – den sofortigen Abtransport nach Mit Rahina – nicht erfüllen? Habe ich Euch nicht über 3000 Jahre lang vom Fluch des Pharao verschont? Hätte ich, Ramses II., Euch nicht alle bestrafen können? Beispielsweise diese tölpelhaften, übervorsichtigen, nicht an meine göttliche Macht glaubenden Priester. Sie holten vor ungefähr 2000 Jahren doch tatsächlich meine Mumie – und die meines Vaters Setoy I. und anderer großer Pharaonen – aus dem Komfort unserer prunkvollen Grabkammern. Versteckten sie aus Angst vor Grabräubern in einem dürftigen Massengrab (!) in Deir el Bahari.

Hätte ich nicht mit einer einzigen Handbewegung einen raffgierigen Clan (ich, der lebendige Gott, nenne hier keinen Namen!) aus dem Dörfchen Qurna niederstrecken können? Er erdreistete sich in den 70ern des 19. Jahrhunderts doch tatsächlich, die prächtigsten Schmuckstücke von unseren
einbalsamierten Körpern zu entwenden, sie für ein paar Piaster auf dem Antikenmarkt zu verhökern! Habe ich nicht einige Jahre später den Archäologen erlaubt, alle in Deir el Bahari gefundenen Mumien zwischenfallsfrei von Oberägypten nach Kairo zu schiffen? Habe ich nicht eingesehen, dass die Unterbringung der königlichen Gebeine in einem klimatisierten Mumiensaal des Ägyptischen Museums durchaus dem Aufenthalt in einem armseligen Massengrab vorzuziehen ist?

Doch jetzt genug des Jammerns, Bittens, Bettelns und Drohens! Eile ist geboten! Und so fordere ich, Ramses II., der König aller Könige, der größte Pharao Ägyptens, jetzt aber ein altersschwacher müder Koloss, meinen Umzug. Fordere, ein Datum festzulegen im Jahre 1999. Lieb wäre mir der 21. Februar oder 21. Oktober. Einen der beiden Tage, an denen die aufgehende Sonne ihr Strahlenbündel durch das Portal meines Felsentempels in Abu Simbel durch die dunkle Säulenhalle ins Allerheiligste, auf das Antlitz meines dortigen Ebenbildes, auf die Angesichte von Amun-Re von Theben, Re-Harachte von Heliopolis und Ptah von Memphis lenkt. An einem dieser Tage möchte auch ich mit Re nach Mit Rahina ziehen! Um endlich meinen verdienten königlichen Frieden zu finden.“

(Quelle: "Nil Express", Januar 1999, Herausgabe wurde mittlerweile eingestellt)

Der Hilferuf von Ramses II. wurde offenbar doch noch erhört. Allerdings fiel im November 2002 eine etwas andere Standort-Entscheidung. Lesen Sie dazu eine Meldung in der Rubrik Ägypten aktuell.

Druckversion