Luxor-Westbank

 

 

 

 

 

Ramadan: "Saddam Hussein" schlägt "Bush"

Am 6. November hat der heilige Fastenmonat Ramadan begonnen, der diesmal voraussichtlich 30 Tage dauern wird (er endet mit dem Erscheinen der Sichel des Neumondes wahrscheinlich am 6. Dezember). Für diesen Monat wird jede Moschee, jeder Laden, jedes Haus, jede Straße festlich geschmückt (Foto oben), mit Fähnchen, gekauften oder selbstgebastelten Ramadan-Laternen, bunten Lämpchen und blinkenden Lichter-Ketten. Für Touristen heißt das, einige Einschränkungen zu akzeptieren. So ist es nicht gern gesehen, während der Zeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in der Öffentlichkeit - beispielsweise auf der Straße - zu essen, zu trinken oder zu rauchen. Diese Genüsse, wie einige andere auch, sind nämlich den Moslems während dieser Zeit verboten. Wer trotzdem meint, eine Banane unbedingt direkt am Verkaufsstand essen zu müssen oder - wie wir es selbst bei einer Engländerin gesehen haben - mit einer Cola-Dose in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand auf der Corniche wandeln zu müssen, muss damit rechnen, dass er/sie in heftige Diskussionen verwickelt wird. Ein solches Verhalten wird schlicht als Affront gegen den Islam angesehen.

Für die West Bank von Luxor bedeutet Ramadan, dass viele Restaurants den Ausschank von Bier und Wein grundsätzlich einstellen. Essen, trinken und rauchen ist für Touristen allerdings auch tagsüber in den Restaurants und Hotels erlaubt, einige bieten auch Bier und Wein an. Eingeschränkt kann allerdings der Service zur Zeit des Sonnenuntergangs sein. Dann wird das "iftar", das "Frühstück" eingenommen, die erste Mahlzeit seit ca. 3.30 Uhr morgens. Natürlich stürzen sich auch die Kellner und Köche nun auf das Essen, für ca. eine halbe Stunde herrscht absolute Ruhe. Und Gäste müssen eben auf die nächste Bedienung ein wenig warten (Foto rechts: Das "NileValley"-Team beim "iftar" an der Straße neben dem Gebäude. Übrigens ist jeder, der zu der Zeit gerade vorbeikommt, eingeladen daran teilzunehmen). Diese halbe Stunde sollte jeder Gast nutzen, um die ungewöhnliche Stille zu genießen. Problematisch für Verabredungen etwa mit Reiseführern ist allerdings diese Zeit ab 16 Uhr. Denn dann ist jeder darauf erpicht, möglichst schnell zu seiner Familie zu kommen, um rechtzeitig zum "iftar" an den Schüsseln zu sitzen.

Eine Verabredung "nach dem Frühstück" birgt eine zeitliche Ungewissheit in sich. Einige Ägypter kommen tatsächlich gleich nach dem "iftar", was etwa eine halbe bis eine Stunde nach dem Sonnenuntergang bedeutet. Andere dagegen besuchen noch erst die Moschee. Dann kann "nach dem Frühstück" durchaus auch zwei Stunden nach Sonnenuntergang bedeuten. Also besser eine genaue Zeit für Treffs abmachen!

In diesem Jahr ist während des Ramadan ein deutlicher Einbruch des Tourismus spürbar. Einer, der für viele spricht Reinhold Johann, Manager des "jolie ville Mövenpick" Hotels in Luxor: "Wir haben einen totalen Einbruch, es herrscht Flaute!" Obwohl jetzt eigentlich gerade die touristische Hochsaison in Ober-Ägypten beginnt. Die englischsprachige Wochenzeitung "Al Ahram weekly" (Ausgabe 14.11.-20.11.2002) führt das auf Fehlinformationen durch ausländische Reise-Agenturen zurück. Inständig wird dabei darauf hingewiesen, dass in Hotels und den meisten Restaurants das Leben für Gäste "ganz normal" weitergeht, lediglich der Respekt auf der Straße erwartet wird. Außerdem vermittle ein Besuch Ägyptens während des Ramadan auch ein besonderes kulturelles Erlebnis und einen eindrucksvollen Einblick in die religiösen Traditionen. Aus dem Artikel ist eine dringende Bitte um Akzeptanz herauszulesen.

Wie schon seit Jahren stiegen auch diesmal die Lebensmittelpreise mit Beginn des Ramdan heftig an. Hintergrund: Während des Fastenmonats konsumieren die Ägypter mehr als doppelt soviel Lebensmittel, wie in "normalen" Monaten. Dazu kommt natürlich die allgemeine wirtschaftliche Krise, die zu einer ständigen Abwertung des Ägyptischen Pfundes gegenüber der Leitwährung US-Dollar geführt hat. Notwendige Importe werden dadurch ständig teurer.

So beklagt die "Al Ahram weekly" (Ausgabe 7.-13.11.2002), dass die Preise für importierte Trockenfrüchte - eigentlich ein Muss für jedes "iftar" - um 40 Prozent gestiegen sind, der Import aber um 50 Prozent gesunken ist. Auch Reis, Zucker, Weizen und Geflügel sind wesentlich teurer geworden. Viele könne sich die grundlegenden Zutaten zum "iftar" nicht mehr leisten, beklagt die Zeitung.

Die Krone setzen aber allen die Datteln (Foto links: Getrocknete Datteln, wie sie, wie hier in unserem Gemüseladen im Dorf El Gezira, überall Säckeweise angeboten werden) auf, die traditionsgemäß zum täglichen Fastenbrechen als erstes beim "iftar" mit Milch oder Wasser serviert werden. Hier schlägt die Politik durch. In Kairo kostet ein Kilo der besten Qualität zwischen 24 und 27 LE (ca. 5,20 bis 5,80 Euro). Die bekamen von Händlern die Namen "Saddam Hussein" oder "Yassir Arafat" verpasst . Die schlechteste Qualität ist noch für ein oder 1.50 LE zu haben (ca. 22 bis 32 Cent). Die bekamen die Namen "Ariel Scharon" und "George Bush". Ein makabres Spiel, denn manche Leute mit wenig Geld schrecken beim Kauf angesichts der Namen zurück.

Übrigens: Nächstes Jahr beginnt der Ramadan voraussichtlich um den 27. Oktober. Wenn das Erscheinen der Mondsichel es so will... (November 2002)

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