Luxor-Westbank

 

 

 

 

 

Papyrus - vergöttert, vergessen,
wieder entdeckt

Das Wort kennt jeder noch aus der Schule. Papyrus, der Vorläufer des Papiers im alten Ägypten. Aber damals war Papyrus mehr als das Material für die leicht beschreib- und transportierbaren Blätter. Die Dolden-Pflanze mit dem dreieckigen Stengel, die in den sumpfigen Uferbereichen des Nils in Unter-Ägypten überall gedieh, war heilig. Die Nutzpflanze konnte über vier Meter hoch werden. Die Wurzeln wurden als Brennstoff verwendet, aus dem das Mark umgebenden Bast wurden Körbe, Seile, Stricke, Gürtel, Sandalen, Matten, Segelbespannungen und vieles mehr hergestellt. Getrocknete Stengel dienten als Material im Bootsbau, aus den Blüten Kränze wurden geflochten zum Schmuck der Götterschreine. Der im Wasser stehende weiche Teil diente zudem als Nahrungsmittel.

Für die Herstellung des ersten "Papiers" der Welt diente jedoch nur das Mark. Daraus wurden die beschreibbaren Papyrus-Blätter hergestellt, die für Ägypten zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor wurden. Denn schließlich interessierten sich auch andere Völker aus dem Mittelmeerraum und dem Vorderen Orient dafür. Papyrus wurde zum Export-Produkt. Und die Herstellung zum Staatsgeheimnis. In keinem Grab, keinem Tempel gibt es detaillierte Darstellungen über die Herstellung des Papyrus, der erst in Blättern gefertigt und dann zu Rollen zusammengeklebt wurde. So entstanden Papyri von 40 Metern Länge wie das Papyrus Harris, das die Taten von Ramses II beschreibt.

Aber Papyrus ist eine Sumpf-Pflanze, die sehr viel Wasser braucht. So begann ihr Ende, als mit den Arabern das Pergament und die Kultivierung der Sümpfe ins Land kam. Papyrus starb in Ägypten aus. Und damit auch die Kunst, die Schreib-Blätter herzustellen. Bis Dr. Hassan Ragab kam, der Mann, der Papyrus zurück nach Ägypten brachte. Er machte aus einer vergessenen Tradition eine neue Industrie.

Als wir ihn zuletzt trafen, saß er hinter seinem Schreibtisch auf seinem Hausboot. Immer noch mit blitzenden Augen. Immer noch voller Ideen. Immer noch kritisch. Immer noch stolz auf sein Lebenswerk. Dr. Hassan Ragab. Ein Mann, der auch mit 90 Jahren noch voller Tatendrang war.

Am 11. Januar 2004 starb er im Alter von 92 Jahren nach einem Leben, in dem er harte Kämpfe durchgestanden hat. Mit Obrigkeiten, mit finanziellen Krisen. Und trotzdem erfüllte er sich zwei Lebensträume. Dr. Hassan Ragab, sein Name ist untrennbar mit einem heute blühenden Markt in Ägypten verbunden: Der Herstellung von und dem Handel mit bemalten Papyrus-Blättern. Fast jeder Tourist kauft so ein Blatt als Andenken bei einem der vielen Institute und Händler im ganzen Land. Das war 1965, als er mit den Forschungen begann, undenkbar. Denn die Pflanze war in Ägypten ausgestorben. Und die uralten Techniken der Herstellung der fast unverwüstlichen Blätter waren in Vergessenheit geraten. Eine Tradition schien verloren.

"Ich hatte bei der Regierung keine Zukunft mehr", begründete der gelernte Elektro-Ingenieur seinen Austieg aus der Diplomaten-Karriere 1968. Also stieg er in die Papyrus-Karriere ein. Hintergrund: 1956 wurde er erster ägyptischer Botschafter in China. "Wir wurden damals von netten Leuten zu Rundfahrten eingeladen", erzählte er. Eine führte in ein kleines Dorf. "Dort stellte eine Familie nach alter Tradition Papier her, das schließlich dort erfunden wurde. Davon lebte sie." Für Dr. Ragab wurde dort die Idee geboren, in Ägypten wieder traditionelles Papier, eben Papyrus, zu produzieren. Diese Idee ließ ihn nicht mehr los.

Konkrete Formen nahm sie Anfang der 60er Jahre an. Zurück in Kairo wollte er mit Bambus als Rohmaterial beginnen. "Aber das war viel zu teuer", erinnerte er sich. "Deshalb kam ich auf die Idee mit dem Papyrus. Aber nun gab es zwei Probleme. In Ägypten gab es keine Pflanzen mehr. Außerdem gibt es keine Aufzeichnungen, über die Herstellung der Papyrus-Blätter." Probleme, bei denen die meisten aufgegeben hätten. Nicht jedoch der tatendurstige Hassan Ragab. Erste Versuche mit Samen Papyrus zu züchten scheiterten. Dann holte er Pflanzen aus dem Sudan. Mit Erfolg. "Nach einem Jahr hatte ich meine ersten eigenen Pflanzen." Der Anfang der Wieder-Entdeckung des Papyrus war gemacht.

Doch wie wird aus den Pflanzen das berühmte Schreib-"Papier" der alten Ägypter hergestellt? Ragab wurde zum Forscher. Denn die alten Ägypter hüteten ihr Geheimnis wie einen Schatz. Schließlich war Papyrus, über Jahrtausende das einzige "Papier", ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die einzige vage Beschreibung aus der Antike über die Herstellung findet sich beim römischen Historiker Plinius dem Älteren. Doch die war so ungenau, dass Ragab nicht viel damit anfangen konnte.

Also begann er zu experimentieren, kleine Informationen bei Experten zu sammeln, Vergleiche seiner Papyrus-Blätter mit denen aus pharaonischer Zeit anzustellen. So näherte er sich in Struktur und Qualität Stück für Stück dem Original an. Bis er sicher war, daß er den richtigen Weg der Technik gefunden hatte. "Das hat drei Jahre gedauert. Und mein Geld war nahezu weg", erzählte er bedauernd aber auch stolz. Schließlich hatte er sich allein durchgekämpft, gründete eine kleine Werkstatt, ließ seinen Papyrus von Kunststudenten und Künstlern per Hand bemalen und verkaufte die Blätter mit ganz kleinem Gewinn.

Dr. Ragab erinnerte sich: "Niemand glaubte uns, dass
es echte handgemachte Papyrus-Blätter waren. Außerdem waren sie relativ teuer. Deshalb hatten wir am Anfang auch nur wenige Kunden." Aber die Idee setzte sich langsam durch. Ragab vergrößerte seinen Betrieb, pachtete einen Teil der Jakobs-Insel im Nil bei Kairo als Anbau-Fläche für seinen Papyrus, eröffnete Filialen seines Institutes in anderen Orten Ägyptens und in den USA. Auch international wurde "Dr. Papyrus" Ragab zum gefragten Experten, schrieb wissenschaftliche Werke, erhielt Auszeichnungen, gewann viele Preise. Dr. Hassan Ragab - der Mann, der eine neue uralte Industrie in Ägypten wiedererweckte, junge Menschen in der alten Kunst ausbildete. Inzwischen gibt es viele Nachahmer, doch nur wenige erreichen seine Qualität.

Einer der dem Weg des Dr. Hassan Ragab folgt, ist Sayed Farag vom "Nefertari Papyrus Institut" auf der West Bank von Luxor. Ihn ärgern die Straßenhändler mit der fabrikgefertigten, billigen Massenware: "Denn die verschrecken unsere Kunden." Die wirklich guten Papyri - gutes Material und von Künstlern handgemalte Bilder - haben ihren Preis.Warum erklärt Sayed Farag folgendermaßen: "In Ägypten ist der Anbau von Papyrus staatlich begrenzt, nur mit einer Lizenz möglich. Weil die Pflanze etwa 30 Liter Wasser pro Tag braucht. Und auch der Verkauf hochwertiger Papyrus-Bilder ist lizensiert." Also nichts für Straßenhändler, deren Bilder billige Drucke sind. Denn gute Papyri sind Unikate, jedes Bild unterscheidet sich selbst bei demselben Motiv von dem anderen.

Woran erkennt man eigentlich echtes, gutes Papyrus? Sayed Farag erklärt: "Knicken Sie ein Blatt scharf, es wird nicht brechen. Und streichen Sie mit einem leicht angefeuchteten Finger über eine Ecke des Bildes. Bleibt ein wenig Farbe am Finger zurück, ist das Bild mit ziemlicher Sicherheit handgemalt." Bisher gab es eigentlich nur das hellgelbe Papyrus auf dem Markt. Sayed Farag, der im Delta seinen eigenen Papyrus anbaut, bietet jetzt auch Bilder auf dunkelbraunen Blättern an. Dafür wird das Papyrusmark vor der letzten Wässerung mit einem Stein flach gehämmert, dann in heißem Wasser drei Tage aufbewahrt. Dadurch ensteht die reizvolle dunkle Farbe als Hintergrund für effektvolle Malereien in teilweise ganz neum Stil einiger der Künstler.

Sayeds Bruder Mohamed: "Die Blätter sind bei uns ein Renner." Was zeigt, dass Dr. Hassan Ragab zwar eine alte Tradition wieder begründet hat, seine Nachfolger aber auch noch für neue - oder wieder ganz alte? - Ideen gut sind. Schauen Sie sich auch die Seite des "Nefertari Papyrus Institute" mit einer Auswahl der Arbeiten an, die Sie über uns auch online bestellen können.

So wird Papyrus gemacht

Es hört sich so einfach an. Für die Herstellung von Papyrus-Blättern werden einfach Streifen des Marks aufeinandergelegt. Fertig ist das Blatt. Denkste. Es gehört mehr dazu. Wie Dr. Hassan Ragab herausgefunden hat. Der Weg im Schnelldurchgang:

 - Papyrus wird zwischen Juni und September geerntet, wenn er etwa ein Jahr alt ist. Der untere    weiche Teil des Stengels, etwa 50 bis 60 Zentimeter, wird abgeschnitten, der grüne Bast entfernt.
 - Das weiße Mark wird in dünne Streifen geschnitten, dann für etwa drei Tage in Wasser gelegt.    Damit sich Substanzen wie Zucker, Salz und Stärke lösen, die Zellulosefasern weich werden.
 - Danach werden die Streifen mit einem Nudelholz gewalzt. Effekt: Reste von Salzen oder Stärke    werden entfernt, Zellusefasern weich. Dieser Vorgang, Wässern und Walzen, wird wiederholt.
 - Die nun fast nur noch aus Zellulose bestehenden Streifen werden erneut gewässert, bekommen    eine bräunlich-cremige Farbe.
 - Nun folgt der Zuschnitt für das Maß des geplanten Blattes.
 - Soweit die Vorarbeit. Jetzt wird das Blatt erstellt. Auf einem Tuch oder einer Filz-Unterlage werden    die Streifen waagerecht leicht überlappend ausgelegt. Dann folgt darüber eine senkrechte Lage.    Wieder kommt die Walze zum Einsatz, um das Wasser aus den Streifen zu drücken (hier    benutzten die alten Ägypter Hämmer) und damit sich die Fasern der Streifen verbinden.
 - Danach wird das Blatt noch einmal eingehüllt und kommt in die Handpresse (die alten Ägypter    nahmen stattdessen Steinblöcke). Dreimal muß die Umhüllung gewechselt werden, die die    austretende Feuchtigkeit aufgesogen hat.
 - Dann ist das Papyrus-Blatt fertig - zur Bemalung oder Beschriftung durch die Künstler.

(Text Wolfgang Sliwka , Fotos Antje Sliwka)

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