Luxor-Westbank

 

 

 

Gräber - Besuch in der Unterwelt

Wer in Europa einen Friedhof besucht, der verhält sich normalerweise ein wenig ehrfürchtig, befleißigt sich am Grab von Verwandten oder Freunden eines andächtig erinnernden Schweigens. Eine Nekropole, die Stätte der Ruhe und des Friedens. Ganz anders ist es auf der West Bank. Wehe, wenn die Touristen-Horden einfallen. Dann wird für viele schlecht informierte Besucher die (Unter-)Welt der Gräber zu einem altägyptischen Disney-Land.

Ein ganz normaler Morgen im Tal der Könige im Oktober 2002. Busse aus Hurghada sind wieder einmal kolonnenweise eingetrudelt. Badetouristen haken ihr Kultur-Programm ab: Ein Tag Luxor - das muss sein. Und natürlich ist ein Besuch im Tal der Könige (Foto unten: Blick in das Tal vom Bergpfad zum Hatschepsut-Tempel) Pflicht. Lachend, schwitzend, laut schnatternd schieben sich die Gruppen verschiedener Nationalitäten die Gänge der Gräber hinunter. Die meisten passieren achtlos die vom Führer - mühsam gegen die Lautstärke seiner und anderer Gruppen ankämpfend - gerade erklärten wichtigsten und prächtigsten Bilder eines Grabes. Immer wieder zuckt aber auch das Blitzlicht eines Fotoapparates. Motto: Ich war da (aber wo ich war, weiß ich eigentlich später gar nicht). Dann noch einmal Gedrängel um den Sarkophag eines Pharaos (welcher, was spielt das schon für eine Rolle). Und wieder geht das Geschiebe los. Nur raus hier. Wieder schwitzend, prustend, schnatternd. Alles im Eiltempo.

Szenenwechsel. Der Neujahrsmorgen 1996. Früh um sechs Uhr machten wir uns auf, das ein paar Monate zuvor eröffnete Grab der Nefertari im Tal der Königinnen zu besuchen (Foto unten: Die Große Königliche Gemahlin von Ramses II., wie sie auf Wandmalereien in ihrem Grab dargestellt wird). In Begleitung eines älteren Herrn, der uns tagelang als selbsternannter Ägypten-Kenner alles, was wir nicht wissen wollten, erzählt hatte. Er führte seinem 15jährigen Sohn gerade erstmals das Land der Geheimnisse vor. Dem völlig überforderten Knaben gab er immer wieder Verhaltensmaßregeln auf den Weg. Im Grab angekommen, wo eigentlich zu sprechen wegen der erhöhten Ausdünstungen untersagt ist, erklärte er seinem Sprößling dann lautstark jede Szene der Gemälde. Die vorsichtigen Proteste eines Wächters ließ er geflissentlich unbeachtet. Dann hub er aber zum Protest an, als die zugelassenen zehn Minuten des Besuches, die wir schon längst überschritten hatten, abgelaufen waren, wir hinauskomplimentiert wurden. Soweit zum Thema Ägypten-Kenner.

Sicher, die Gräber des Neuen Reiches (ca. 1570 - 1070 v.Chr.) sind eine Welt-Attraktion. Aber sie sind auch hochgradig gefährdet. Seit einiger Zeit wird über ihren Schutz diskutiert, werden Pläne zum Bau von Repliken geschmiedet. Seit Anfang November 2002 gibt es für Touristen drastische Einschränkungen.

So ist es jetzt in den Tälern der Könige und Königinnen sowie in Deir El Medina den Führern strikt untersagt, in den Gräbern noch Erläuterungen zu geben. "Wir wollen so die Aufenthalts-Dauer in den Gräbern verkürzen, damit Schäden durch die menschlichen Ausdünstungen verringern", sagt Mohamed El Bialy, Direktor der Antiken-Verwaltung für Ober-Ägypten. Sicher, das Ziel wird erreicht. Wir haben selbst Touristen-Gruppen erlebt, die im Eilschritt durch die Gräber hasteten, während der Führer draußen wartete. Aber ob sich der ägyptologisch unbeleckte Tourist ohne eine bildliche Erklärung außerhalb des Grabes zurechtfindet, wirklich Personen und Szenen der Wandmalereien identifizieren kann, das glauben wir nicht. Irgendwie werden sich viele Besucher alleingelassen fühlen.


Treffend beschreibt der deutschsprachige Reiseführer Abdul Moneim die Situation aus seiner Sicht: "Vor der Neuregelung brauchte ich mit kleinen Gruppen für einen kurzen Besuch von drei Gräbern drei Stunden. Jetzt ist das in einer Stunde erledigt. Und spätestens am Ausgang haben die Touristen alles vergessen, was ich ihnen erzählt habe."

Auch andere Beschränkungen gibt es. So sollen beim Besuch der Gräber in Deir El Medina (Foto links: Von einer Pyramide gekröntes Grabmal im Grabhügel der Künstler unf Arbeiter) nicht mehr als acht Personen zur Zeit Einlass finden, in den Gräbern von Roy und Shu Roy in Dra Abu Naga nur sechs Gäste auf einmal - und das alles für eine begrenzte Zeit. Auf die Frage, ob und wann die Gräber von Setoy I., Ramses VI. und Haremhab im Tal der Könige einmal wieder geöffnet werden, antwortete El Bialy sybillinisch "Not yet." Und fügte hinzu, dass gerade das Grab von Amenhotep II. geschlossen wurde.

Schließungen, Beschränkungen, all das ist sicher zum Schutz der einmaligen Hinterlassenschaften der altägyptischen Könige nötig. Aber viele wirklich interessierte Besucher werden auf Dauer unbefriedigt wieder heimfahren. Wo der wirklich beiden Seiten entgegenkommende Mittelweg liegt, das ist noch ungeklärt. Denn einige angedachte Lösungen wie große Video-Bildschirme vor den wichtigsten Gräbern sind zu aufwendig und zu teuer.

Kein Wunder, dass gerade von Kairo-orientierten ägyptischen Ägyptologen immer wieder Pläne initiiert werden, Repliken der wichtigsten Gräber (Nefertari, Setoy I. Ramses VI. usw.) auf dem Gelände des geplanten neuen Ägyptischen Museums zu errichten. Aber auch dagegen baut sich schon wissenschaftlicher Widerstand auf. Von der Wandlung des Ägyptens in ein "pharaonisches Disney-Land" ist da die Rede, alles sollte doch dort gezeigt werden, wo es hingehört. Auch hier ist noch kein Ende der Diskussion abzusehen.

Für den Touristen bleibt also nur, sich vor dem Besuch der Gräber anhand von guten Büchern zu informieren, dann vom Führer die letzten Details erklärt zu bekommen - und sich dann allein zurecht zu finden. Die schnatternden Gruppen aus Hurghada werden nun allerdings noch schneller und unwissender durch die Totenhäuser hasten. Wir waren da - aber wo eigentlich?

Wir stellen ihnen Schritt für Schritt einige wenig besuchte Gräber (Fotos oben: Wandmalereien und Sarkophag im Grab des Eje im West-Tal) und auch einige, die für Touristen geschlossen sind, vor. Noch ein Hinweis: Grundsätzlich müssen Sie am Tag des Besuches alle Eintrittskarten am Ticket Office kaufen. Einzige Ausnahme ist das Tal der Könige. Für die Besichtigung der Grabanlage können sie Tickets am Haupteingang des Tals kaufen (LE 20 für drei Gräber ohne Tut-ench-Amun). Hinweise, welche Gräber jeweils geöffnet sind, finden Sie ausschließlich auf der Karte des Tals unmittelbar hinter dem Eingang, auf allen anderen an mehreren Stellen im Tal angebrachten Karten fehlen diese Angaben. (Text und Fotos Antje und Wolfgang Sliwka)

Haremhab

Druckversion