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Al Tar - tödliche Frage der Ehre

Es war eine Schreckensnachricht. 22 Mitglieder einer Familie fielen der Blutrache, der Vendetta, zum Opfer. Sie gerieten auf einer Hauptverkehrsstraße in einen Hinterhalt einer feindlichen Familie. Die ermordeten die Opfer mit automatischen Gewehren und gezielten aber unzähligen Schüssen. Einige der Leichen waren so verstümmelt, dass sie erst anhand von Fingerabdrücken identifiziert werden konnten. Und schon kommt die Rede vom gefährlichen Ober-Ägypten auf. Selbst in ägyptischen Zeitungen.

Alles geschah am 10. August 2002 nahe dem Dorf Beit Allam in der Provinz Sohag rund 210 km nördlich von Luxor. Ein Vorfall, der selbst die Gemüter der sonst so ruhigen West Bankler aufregt. "Das ist ein Verstoß gegen alle Regeln, das hat nichts mehr mit Vergeltung zu tun. Das ist blanker, kaltblütiger Mord, das ist kriminell", ereifert sich Ali, Manager des Restaurants "Africa" in El Bairat El Gezira. "Wir kennen die Vendetta, aber das ist schierer Terror", fügt Ahmed, ein Anwalt aus dem Dorf El Gezira, genauso erbost hinzu. Sie fürchten wie alle auf der West Bank von Luxor wieder einmal negative Schlagzeilen, fürchten Kratzer am Image der sicheren West Bank, fürchten übereilte Absagen von Touristen. Weil in Medien - selbst in ägyptischen - schnell die Rede von allgemeiner Blutrache in Ober-Ägypten, von Familienkriegen, von hemmungslos um sich schießenden Dorfbewohnern ist, ohne auf Hintergründe und Details einzugehen. Tote machen Schlagzeilen. Und das vermittelt nebenbei den Eindruck einer Gefahr, die gar nicht vorhanden ist.

Mitglieder verschiedener Generationen der El Hanashat-Familie (Fotos: Al Ahram Weekly)
Die Geschichte. Sie mutet irgendwie an, als sei sie Teil des Films "Der Pate" oder ähnlicher Streifen. Da ist Beit Allam, ein kleines Dorf, dessen Bewohner praktisch nur zwei Familien, zwei Clans angehören: Den El Hanashats und den Abdel Halims. Die Clans lebten miteinander, Ehen zwischen Mitgliedern beider Familien waren nicht unüblich. Aber dann, 1990, begann die Tragödie.

Der Anfang waren Worte, war ein Streit zwischen Kindern der beiden Familien. Der Streit wurde hitzig, artete in einem Kampf aus. Der endete mit dem Tod zweier Mitglieder der El Hanashat-Familie. Ein Tod, der nicht vergessen wurde. Eine Frage der Ehre.

Zwölf Jahre dauerte es, bis die Rache vollzogen wurde. Helmi Ahmed und Mahmoud El Samman, Angehörige des El Hanashat-Clans, töteten Hamam Abdel Halim aus der verfeindeten Familie. Beide sitzen seitdem hinter Gittern. Doch das reichte dem Abdel Halim-Clan offenbar nicht. Obwohl zwischenzeitlich alles geregelt schien.

Nach mehreren Treffen mit der Polizei und Vertretern die Bezirksverwaltung unterzeichneten beide Familien am 6. Mai so etwas wie einen Friedensvertrag. "Was geschen ist, ist geschehen und vergessen." Ein trügerischer Friede.

Nach und nach siedelten etwa zwölf Mitglieder des Abdel Halim-Clans in andere Dörfer um. Vermutlich sammelten sie dort Waffen, die sie auf dem Schwarzen Markt kauften. Und sie brüteten den teuflischen Plan aus. Den Plan, der jedem Drehbuch eines Mafia-Films entstammen könnte. Ein Plan, der 22 Opfer forderte.

An jenem Morgen des 10. August waren die Angehörigen des El Hanashat-Clans auf dem Weg von ihrem Dorf Bei Allam zu einer richterlichen Anhörung der beiden Mörder Helmi Ahmed und Mahmoud El Samman in der Provinzhauptstadt Sohag. In einem Mini-Bus und einem Taxi, unbewaffnet - schließlich gab es ja das Friedensabkommen. Doch plötzlich war die Straße gesperrt, Feuer aus einem Maschinengewehr stoppte den kleinen Konvoi. Die Attentäter hatten versteckt in einem Kornfeld auf die Wagen der El Hanashat-Familie gewartet.

Bevor sie die Insassen der beiden Wagen erschossen, ließen sie laut Angaben der "Egyptian Gazette" den Fahrer des Taxis laufen, da er nicht zur verfeindeten Familie gehörte. Hier folgten sie noch dem Ehrenkodex. Aber dann folgte ein Blutbad, dem auch ein zwölfjähriger Junge zum Opfer fiel. Nur drei Mitglieder der El Hanashat-Familie überlebten das Inferno schwer verletzt.

So war es vor Jahren: Ein Mann macht Zielübungen. Das Foto stammt aus einem Familien-Album
Nach dem Anschlag flohen die Mörder in die nahegelegenen Berge, versteckten sich in Korn-Feldern. Nach Angaben der "Al Ahram weekly" sind inzwischen vier der mutmaßlichen Attentäter verhaftet, einige der Mordwaffen sichergestellt worden. Aber das bedeutet noch lange keine Ende der ewig währenden Blutrache. "Wir haben zwölf Jahre gewartet, um das Blut unserer Kinder (nach dem Tod von 1990, d. Red.) zu rächen. Wir werden die Fehde nie vergessen, ganz gleich wie lange sie dauert. Wir haben gewartet und werden wieder warten. Was immer es von uns auch für Opfer bedeutet, unsere Bestimmung ist es, soviele Mitglieder der Abdel Halim-Familie zu töten, wie sie von den unsrigen getötet haben. Auch wenn sie eine Armee zum Schutz hätten, wir werden Rache nehmen", wird ein Mitglied des El Hanashat-Clans in der "Al Ahram weekly" zitiert. Und Zeid Abu Henish, einer der Führer des El Hanashat-Familie, gab gegenüber der Zeitung den trockenen Kommentar: "Al Tar wala Al'Aar!" (Vendetta ist besser als in Schande zu leben).

Beit Allam, ein Dorf lebt in Angst. Die Kinder der Clans wachsen unter dem Druck auf, selbst wieder Rache nehmen zu müssen oder irgendwann Opfer zu werden. Erste Konsequenz der Familien-Fehde: 13 Frauen aus dem Abdel Helim-Clan, die mit El Hanashat-Leuten verheiratet sind, wurden von ihren Männern verstoßen, sollen geschieden werden. Ein Familienkrieg ohne absehbares Ende droht.

"Al Tar", die Blutrache, hat in Ober-Ägypten eine lange Tradition. "Aber es gab und gibt feste Regeln. So gilt das ungeschriebene Gesetz 'ein Auge für ein Auge'. Das ist in diesem Fall eindeutig gebrochen worden, das war ein Massaker", sagt "Africa"-Boss Ali. Ursachen der Konflikte sind meist Streitigkeiten um Land oder Geld, daraus wird dann eine Frage der Ehre und des Stolzes. Beginn einer endlosen Todes-Spirale. Und die Polizei steht machtlos daneben.

Fast schon antik mutet diese Waffensammlung an. Das Foto wurde vor etwa zehn Jahren aufgenommen
Seit der Bluttat im April wurden in Beit Allam 25 Menschen durch Schüsse verletzt, die Polizei konfiszierte 40 Waffen, meist automatische Gewehre, die im illegalen Besitz von Bauern waren. Aber es half nichts. Der Nachschub wartet auf dem Schwarzmarkt, die Geschäfte werden in der Wüste oder in versteckten Höhlen der Berge abgewickelt, die Waffen oft in Kornfeldern versteckt. Bis sie dann irgendwann todbringend eingesetzt werden.

Was fürchten nun Ali und seine Kollegen auf der West Bank von Luxor? "Das bringt wieder viele negative Berichte über uns. Und da in den Medien immer nur allgemein von Ober-Ägypten die Rede ist, vermittelt das den Eindruck, dass wir alle hier blutrünstige Banditen sind, die Dörfer von Waffen nur so starren. Das könnte wieder Touristen abhalten, zu uns zu kommen", sagt er bedrückt.

Gibt es auf der West Bank denn auch die Blutrache? "Es gab sie vor vielen Jahren. Aber schon lange gilt hier eine Vereinbarung, dass Streitigkeiten bei einer Sitzung der Familen-Ältesten und eines neutralen Schlichters beigelegt werden", erklärt Ali ein lebensfreundlicheres Rechts-Prinzip.

Die letzten Auseinandersetzungen mit Waffengewalt gab es 1977 und 1991, insgesamt drei Menschen starben. Seitdem herrscht Friede. Besteht bei einer Familien-Fehde mit Blutrache eigentlich eine Gefahr für Außenstehende? Ali: "Überhaupt nicht. Die Vendetta ist eine reine Privatsache. Weder Angehörige anderer Familien, die einen Streit vielleicht schlichten wollen, noch Ausländer werden davon betroffen. Es gilt die feste Regel, keine Dritten in die Auseinandersetzung zu verwickeln. Auch das ist eine Frage der Ehre!"

Auf der West Bank von Luxor hat der Tourismus, der Einfluss anderer Kulturen, ein in gewissem Rahmen zunehmender Wohlstand zu einer Wandlung überkommener Regeln geführt. Aber in den abgelegenen, armen Dörfern gelten immer noch die Traditionen. "Selbst gebildete junge Leute passen sich denen bei der Rückkehr in ihre Dörfer an", beklagt die Zeitung "Al Akhbar". Beit Allam - das steht seit dem 10. August für das Festhalten an diesen anachronistischen Regeln, an todbringenden Traditionen, das umso stärker wird , je schlechter die wirtschaftliche Situation ist.. Es steht aber auch für die Widersprüchlichkeit, die Spaltung der ägyptischen Gesellschaft. Hier die archaischen Werte in den von der wirtschaftlichen Entwicklung praktisch abgeschlossenen Dörfern, dort der Wertewandel durch Kontakt mit anderen

Die langen Holzstöcke, die "nabboot", sind die traditionellen Waffen in Ober-Ägypten
Kulturen und zunehmenden Wohlstand wie in Luxor. Eine soziale Situation, die zu ändern es wohl noch mehrere Generationen braucht. (Text und Fotos Wolfgang Sliwka)
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