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Merenptah
- der König des Recycling
Bei der Eröffnung ganz offiziell: Dr. Mohamed El Bialy, Generaldirektor der Antiken-Verwaltung für Theben West (l.), und Grabungsleiter Dr. Horst Jaritz erklären die Restaurierungs- und Rekonstruktionsarbeiten des Merenptah-Tempels (Foto r.) Nichts
zu sehen? Der eine Reiseleiter hat recht. Es gibt keine mächtigen
Pylone, keine gen Himmel ragenden Säulen, eben das, was seiner Meinung
nach Touristen beeindruckt. Aber es gibt vieles zu sehen. viele Kleinigkeiten,
außerordentlich schöne, bisher verborgene Reliefs von hoher
künstlerischer Qualität. Nichts zu sehen? Scheuchen Sie Ihren
Guide dahin, lassen Sie ihn notfalls nach einem Inspektor oder einer Broschüre
fragen (es gab einmal eine, deren Nachdruck von den Ägyptern aber
angeblich
Die Baumeister waren allerdings auch Räuber, verwendeten Material aus älteren Tempeln. Vornehmlich nutzten sie den nahegelegenen Tempel Amenhoteps III. (ca 1386 - 1349 v. Chr.) als Steinbruch. "Stahlen" Statuen, Stelen, Tore, Steinblöcke. Meißelten neue Inschriften, setzten den Namenszug Merenptah ein. Pharaonisches Recycling, das zwar nicht unbekannt war. Doch Merenptah entwickelte sich in dieser Hinsicht zu einem Meister. Selbst die berühmte "Israel-Stele", die Petrie entdeckt hatte, stahl er aus dem Tempel Amenhoteps. Diese Stele aus schwarzem Basalt enthält die einzige Erwähnung des Namens Israel in der alt-ägyptischen Geschichte. Das Original steht heute im Museum von Kairo, Jaritz ließ eine Replik anfertigen, die am Fundort des Originals im Merenptah-Tempel steht. Bild 1: Zur Orientierung:
Der Grundriss der kompletten Tempelanlage Doch den "König des Recycling" holte sein Wirken ein. Auch sein Tempel diente in antiker Zeit wiederum als Steinbruch, Kalkstein wurde später zu Kalk verbrannt, Lehmziegel als Baumaterial für Häuser verwendet. So blieb von dem Tempel fast nichts übrig außer ein paar Brocken, die aus der Erde lugten. Bis Petrie die Wiederentdeckung machte und Jaritz die Ausgrabungs- und Restaurierungsarbeit übernahm. "Der Tempel des Merenptah ist das fehlende Glied in der Kette der architektonischen Entwicklung der thebanischen Totentempel auf dem Westufer von Luxor", erklärt der Bauforscher Dr. Horst Jaritz, "ohne die Untersuchung dieses Totentempels kann man die Entwicklung der folgenden nicht verstehen". Der Grundriss des letzten großen Totentempels der 19. Dynastie erklärt den architektonischen Wandel zur 20. Dynastie. Ist das Bindeglied zwischen den Totentempeln von Ramses II., dem Ramesseum, und von Ramses III. (ca 1182 - 1151 v. Chr.), Medinet Habu.
Der Tempel-Komplex vor der grandiosen Kulisse der Bergkette und dem Dorf Alt-Qurna Nach den Grabungs-Kampagnen des Schweizerischen Instituts gibt es jetzt ein genaues Bild der Tempel-Anlage und seine architektonischen Vorbilder. Von der unmittelbaren Vorgänger-Anlage seines Vaters Ramses' II. übernahm Merenptah die Abfolge von zwei Höfen nach dem Eingangs-Pylon, die zum Allerheiligsten führenden beiden Säulenhallen und die südliche und nördliche Säulenkolonnade im ersten Hof. Spiegelgleich stehen sich hier schlichte Säulenreihen mit geöffneten Papyrus-Kapitellen gegenüber. Während die südliche Kolonnade die Palastfront bildet, standen vor den nördlichen Pfeilern Statuen des Merenptah.
Das ehemalige Fundament dieses zweiten Pylons birgt eine weitere Kostbarkeit des Tempels. In zwei unterirdischen Schauräumen sind riesige Blöcke, die im Tempel des Amenhotep teilweise als Türfüllung oder Stürze dienten, zu bestaunen. Sie sollten für sicheren Halt des Pylons auf dem weichen Grund sorgen. Da die Baumeister die Blöcke mit den Reliefs nach unten eingeraben hatten, sind diese für die Zeit einzigartigen Darstellungen außerordentrich gut erhalten. Da schmunzelt Haritz schon mal: "Sehen sie auf diesem Relief einen kleinen Vogel?" Ratlos stehen die Gäste davor. Bis der Experte ihn tatsächlich zeigt. Das ist Teil des Tempel-Erlebnisses: Es kommt eben auf die Kleinigkeiten an Bild: Wohlgeordnet - einige Fundstücke im Grabungs-Museum Der zweite Hof ist wie bei Ramses II. als Osiris-Pfeilerhof gestaltet, zwar in traditioneller Form, jedoch ohne die östliche, dafür aber mit einer später nicht wiederholten südlichen und nördlichen Pfeilerreihe. Zwischen den westlichen Osiris-Pfeilern läßt Merenptah Kolossalstatuen (usurpiert von Amenhotep III.) aufstellen - wie schon Ramses II. und später Ramses III. Das Konzept für die umliegenden Schmalräume an der Nord- und Südseite sowie die Dreiteilung des rückwärtigen Tempelbereichs scheint Merenptah vom Totentempel Sethoy's I., des Vaters Ramses' II., übernommen zu haben. Aber nicht nur der baugeschichtliche Aspekt ist für Dr. Horst Jaritz interessant. "Wir haben große Wandfragmente mit prächtigen Dekorationen wieder aufgebaut. Wir fanden heraus, daß der Palast eine Steinfassade, der erste Hof Kolonnaden hatte." Und eine ganze Reihe Fragmente von Kolossal-Statuen und Sphingen, Stelen, Ostraka, Schmuck wurden gefunden. Die großen Funde sind auf dem Tempel-Areal, in den beiden besonders sehenswerten Schauräumen unter dem zweiten Pylon mit zum Teil einzigartigen Wandreliefs aus dem Totentempel von Amenhotep III., im sogenannten Lapidarium, die kleineren im Grabungs-Museum zu besichtigen.
Bild: Ausschnitt aus einem der phantastischen Wandreliefs, die in den Schauräumen unter dem zweiten Pylon ausgestellt sind Doch mit der Grabung und der Puzzle-Arbeit des Zusammenfügens gab sich der Architekt und Archäologe aus Leidenschaft Jaritz nicht zufrieden. Wie an nur wenigen anderen Grabungsstellen im Lande entwarf er in Qurna ein sogenanntes "Site-Museum". Dort sind die Funde untergebracht, die sonst in irgendwelchen Magazinen verschwunden wären. Finanziert wurde der rund 500.000 LE teure Bau von der Ludwig-Borchardt-Stiftung und dem Institut. Die Bauausführung übernahm der renommierte ägyptische Bauunternehmer Dipl.-Ing. Mamdouh Habashi, der zusammen mit Jaritz unter anderem auch das Grabungs-Museum auf Elephantine/Assuan gebaut hat. Die gesamte Technik - beispielsweise die Vitrinen mit ausgeklügeltem Lichtsystem, Klima-Anlage in den Wänden und im Boden - kommt aus Deutschland. Damit sich das archäologische Museum auch farblich harmonisch in die Umgebung einfügt, wurde für die Verkleidung lokaler Travertin, für die Böden Kalkstein und ägyptischer Marmor verwendet. Die Ausstellung verteilt sich auf das 8x22 Meter große Gebäude mit vier Licht- und Belüftungs-Kuppeln. Zu den Exponaten gehören Perlen, Keramik, Ostraka, Stelen, eine Kultschale und Teile von Statuen sowie eine Großzahl ausgewählter Fragmente der Tempeldekoration. Zeichnungen und Informations-Tafeln über die Baugeschichte des Tempels und seine Untersuchung ergänzen die Ausstellung, vertiefen die Eindrücke. In einer Ruhezone mit der von Bougainvillée überwachsenen Pergola können die Gäste anschließend alles "verdauen", mit etwas Phantasie den Tempel vor dem geistigen Auge wiedererstehen lassen. Die beiden Architekten Jaritz und Habashi sind stolz auf "ihr" Museum, hoffen, dass dieses für Ägypten noch relativ neue Konzept der Präsentation von Funden in kleinen Museen an Ort und Stelle Schule macht. Übrigens ist die Arbeit am Merenptah-Tempel das letzte Projekt des in Esperstedt/Thüringen geborenen Dr. Horst Jaritz, der Ende diesen Jahres in den wohlverdienten Ruhestand geht.
Ganz akurat wurden die einstigen Mauern der Nebengebäude und der Brunnen rekonstruiert, hinten links ist das Museumsgebäude zu erkennen Denken Sie nach dieser Lektüre immern noch wie die Guides, dass es im Merenptah-Tempel nichts zu sehen, zu erkunden gibt? Wir sind da ganz anderer Meinung, glauben, dass die Anlage mit dem Museum ein ganz neues Highlight auf der West Bank werden wird. Was der Tempel benötigt, ist eigentlich nur ein wenig "Propaganda", was die Reiseführer benötigen ist ein klein wenig Aufklärung und Information von den offiziellen Stellen. Denn das kann das Schweizer Institut nicht mehr übernehmen. Information Endlich ein komplett neues Besichtigungsziel, besonders für Individual-Touristen, die die klassischen Stätten schon kennen. Der Merenptah-Tempel liegt gegenüber dem Dorf Alt Qurna neben Sheikh Alis "Marsam"-Hotel (an der Kreuzung hinter den Memnon-Kolossen rechts abbiegen). Eintrittskarten für 10 LE inkl. Museum müssen Sie vorher am Ticket-Office (an der Kreuzung links) kaufen, von dort sind Sie in wenigen Minuten Fußweg am Tempel-Eingang. (Text Antje und Wolfgang Sliwka, Fotos Antje Sliwka)
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