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Kunst-Raum für mehr Miteinander (Teil I)

Luxor, 16. bis 20. Februar 2004 - Hinter dem Luxor-Tempel mit der Abu Haggag-Moschee, gegenüber der Sheikh Negn-Moschee mit ihrem ungewöhnlich eckigen Minarett, bot sich den Passanten ein seltsames Bild. Zwei junge Frauen kauern auf dem Boden des Parkplatzes für die Touristen-Busse. Schon auf den ersten Blick zu erkennen: Eine ist Ägypterin, eine Europäerin. Aber was um alles in der Welt machen sie dort, fragt sich wohl jeder etwas skeptisch, der sie dort zufällig entdeckt. Beide sind total konzentriert. Konzentriert auf ihre Arbeit. In den Händen halten sie dicke farbige Kreidestifte, um sie herum entsteht etwas. Entsteht etwas für Ägypten völlig neues. Ein Gemälde auf grobem Asphalt. "Mit unserer Arbeit möchten wir den Menschen der Stadt - Ägyptern und Ausländern gleichermaßen - ein Geschenk machen, sie zu Gesprächen miteinander auffordern," die Antwort der jungen Damen auf neugierige Fragen der Passanten verschiedenster Nationalität.

Auch wir sind natürlich neugierig, möchten mehr erfahren. In einer Arbeitspause sprechen wir die beiden an und sie erzählen uns von ihrem deutsch-ägyptischen Kunst-Projekt, wie beim Näherkommen auf simplem Klebeband zu lesen ist. Die beiden jungen Frauen das sind die ägyptische Kunststudentin Shayma Aziz (23) und die deutsche Malerin Carola Rümper (26), die seit November in Luxor lebt, um die Boden-Aktion mit Sheyma vorzubereiten und zu realisieren.

Die beiden lernten sich im März 2002 in Luxor kennen, als Carola mit der Gruppen-Ausstellung "horizontal limits" des KünstlerinnenForums Münsterland zum ersten Mal in Luxor war, in der "Faculty of Fine Arts" ihre Arbeit vorstellte. Seitdem sind Shayma und Carola ständig miteinander in Kontakt. "Shayma war eigentlich die einzige Frau, die direkten Kontakt mit mir suchte, die anderen Studentinnen waren sehr, sehr zurückhaltend. Vielleicht lag es daran, dass die nicht gut Englisch sprachen," erinnert sich Carola.

Ein Jahr später besuchte Carola Luxor ein zweites Mal, traf Shayma natürlich wieder. Bei vielen Diskussionen während dieser Zeit und danach per eMail kristallisierten sich viele private und künstlerische Gemeinsamkeiten heraus. Vor allem, dass in Ägypten, insbesondere aber in Luxor, sehr, sehr wenig Frauen im öffentlichen Raum auftauchen, ein Kontakt mit Ägypterinnen für eine ausländische Künstlerin kaum möglich ist. Deshalb entand in den Köpfen von Shayma und Carola die Idee, gemeinsam ein Kunst-Projekt in der Öffentlichkeit zu starten. Einen Kunst-Raum zu schaffen, in dem Menschen verschiedener Nationalitäten, Kulturen und Religionen aufeinander zugehen, miteinander ins Gespräch kommen können. Carola: "Auch wenn es sich abgedroschen anhört, aber gerade nach den Ereignissen der vergangenen Jahre im Nahen und Mittleren Osten möchten wir mit unserer Arbeit für mehr Verständnis zwischen Moslems und Nicht-Moslems werben."

Zwischen Ewigkeit und Vergänglichkeit

Als zweiten reizvollen Aspekt des Projektes setzen sie auf Kontrast. Den Kontrast zwischen Ewigkeit (der pharaonischen Kultur) und Vergänglichkeit (der schnell-lebigen modernen Zeit). Denn, so erläutert Carola das Konzept: "Nach Luxor reist man ja eigentlich wegen der jahrtausende alten Geschichte. Dem wollen wir ein kleines Kunstwerk entgegensetzen, das nach zwei bis drei Wochen zerstört ist. Zerstört durch Sonne, Wind und Sand, zerstört durch die Füße der Passanten, zerstört durch die Reifen der Autos und Räder der Pferdekutschen." Diese Hauptaspekte werden durch die Wahl des Platz bewusst unterstrichen. Nämlich die Nähe zu einem pharaonischen Tempel (Foto unten im Hintergrund mit der Abu Haggag-Moschee) und zwei islamischen Moscheen und dem ständig belebten und befahrenen Platz im Herzen der Stadt.

Für ihre Arbeit auf dem rauhen Asphalt lässt Carola sich von der islamischen Ornamentik inspirieren, die sie soweit verfremdet und abstrahiert, dass ihre schwarzen Linien und farbigen Flächen ein Eigenleben bekommen. Shayma füllt die Leerräume, fügt dem Formen-Repertoire von Carola als Ergänzung phantasievolle Figuren und Symbole hinzu. Rätselhafte geschwungene schwarze Linien und Farbflächen formen dabei eine völlig neue visuelle Anmutung, eine Metamorphose der klassischen Ornamente, alten Reliefs und Schriftzeichen. Durch die ausgewählten Farben der Region (Rot-, Blau-, Gelb- und Grün-Töne) wollen Shaima und Carola ihre Verbundenheit mit Luxor herausstellen.(Text und Fotos Antje Sliwka)

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