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Die
Geschichte der zwei "Ls":
"Über meine Fotos wird man noch in 200 Jahren sprechen"
Wer
in Kairo Bücher oder Magazine in Deutsch, Englisch oder Französisch
sucht, der findet irgendwann zwangsläufig den Weg zur Buchhandlung "Lehnert
& Landrock" in Downtown. Das Geschäft ist eine Institution mit
einer langen, wechselvollen Geschichte. Es ist die Geschichte der "großen
Ls". Die Geschichte des Rudolf Franz Lehnert, des Ernst Heinrich Landrock
sowie von Kurt und schließlich Dr. Edouard Lambelet. Der Doktor der
Geologie ist heute Inhaber des Geschäfts.
Doch auch
wenn sich heute in dem Laden an der Sharia Sherif vieles um Bücher dreht,
gewinnt eine Abteilung immer mehr an Bedeutung. Die Kunst-Galerie in den hinteren
Räumen. Eine wahre Schatzkammer für Liebhaber alter Fotos. Hier
finden sich zahllose Original-Abzüge und neuerdings die erste von zwei
CDs von Bildern, die der Fotograf Lehnert Anfang des letzten Jahrhunderts
in Ägypten, ganz Nordafrika und Palästina schoss. Mit diesen Fotos
begann die Geschichte der Buchhandlung "Lehnert und Landrock", die
uns Dr. Edouard Lambelet (Foto oben) erzählte und die wir Ihnen hier
in Kurzform näherbringen möchten.
Zauber des Orients
1903
– Der österreichische Fotograf Rudolf Franz Lehnert und der deutsche
Buchhalter Ernst Heinrich Landrock lernen sich in der Schweiz kennen. Lehnert
hatte zuvor bei seiner ersten Fuß-Wanderung durch die Wüste und
die südlichen Oasen Tunesiens den Zauber des Orients entdeckt und Aufnahmen
gemacht. Landrock erkennt sofort, welchen Nutzen er aus den Bildern ziehen
kann, begleitet Lehnert nach Tunis, mietet dort ein Geschäft.
1904 – "Über meine Fotos wird man noch in
200 Jahren sprechen!" Diesen Satz schleudert Lehnert seinem Freund entgegen,
der ihm - kochend vor Ungeduld - Vorwürfe wegen seiner zweimonatigen
Wüsten-Safari durch Tunesien macht. Landrock wartet seit Wochen auf die
Fotoplatten. Aber die Ausbeute bringt den erhofften Erfolg: Die Fotos werden
in Leipzig verlegt, einige von ihnen erlangen – wie von Lehnert prophezeit
– Weltruhm.
1914 – Lehnert startet eine weitere Karawanenreise,
mietet Dromedare als Lasttiere für seine Foto-Ausrüstung, kleidet
sich wie die Beduinen, lebt nach den harten Regeln der Wüste. Als er
nach Tunis zurückkehrt, erlebt er einen Schock: Der 1. Weltkrieg ist
ausgebrochen, das Geschäft beschlagnahmt, Landrock gemäß deutsch-französischem
Abkommen als wehrunfähig im schweizerischen Engelberg interniert worden.
Aufgrund seiner österreichischen Staatsbürgerschaft kommt der 1879
in Grossaupa/Böhmen geborene Lehnert in Kriegsgefangenschaft. Zunächst
in Algerien, später auf Korsika. Auf Betreiben Landrocks wird er schließlich
in Davos interniert, dann freigelassen.
Zeit
der Veränderungen
Nach dem
Krieg beginnt eine Zeit der Veränderungen. Die beiden lernen ihre zukünftigen
Ehefrauen kennen. Eugenie "Jenny" Schmitt aus dem Elsass wird Frau
Lehnert, die Thurgauerin Emilie Singer-Lambelet wird Frau Landrock, bringt
Kurt Lambelet, ihren Sohn aus erster Ehe, mit.
1919
– Da Böhmen jetzt zur Tschechoslowakei gehört (alliiert mit
Frankreich), Lehnert somit Tscheche wird, bekommt er seine Fotoplatten zurück.
1920 – Lehnert und Landrock treffen sich in Leipzig,
gründen den "Orient Kunst Verlag", exportieren viele Lithographien
colorierter Wüstenbilder gegen harte Dollar nach Südafrika.
1923 – Lehnert fotografiert in Ägypten, Palästina
und dem Libanon.
1924 – Ehepaar Landrock mit Kurt Lambelet und Eugenie
Lehnert mit Tochter Eliane ziehen nach Ägypten. Im Oktober gründen
sie in Kairo das Großhandelsgeschäft "Lehnert & Landrock",
mieten einen Laden. Landrock bestellt in Dresden, Berlin und Leipzig farbige
Stiche und handcolorierte Fotos, die in 200 Kisten verpackt nach Kairo kommen.
Das Geschäft läuft allerdings schleppend, die Gewinne sind niedrig,
ein Kredit von LE 2.000 wird aufgenommen, der erst 1948 vollständig zurückbezahlt
werden kann. Die Absatzschwierigkeiten erfordern Umdenken. "Lehnert &
Landrock" sattelt um auf den Direktverkauf von Fotos, Postkarten und
Kunstblättern in neuen Geschäftsräumen.
1930 – Lehnert fühlt sich in der lärmenden
Metropole Kairo nicht heimisch, sehnt sich nach dem Zauber der arabischen
Paläste von Tunis. Am 15. Juni trennt er sich von Landrock, überlässt
das Copyright für seine Fotos der Firma "L & L, Nachf. Ernst
Landrock" und kehrt nach Tunis zurück. Dort eröffnet er ein
Fotoatelier und genießt bald den Ruf eines angesehenen Porträtisten.
1934 – Landrock führt das Geschäft in enger
Zusammenarbeit mit seinem Stiefsohn Kurt Lambelet, der die Griechin Julie
Georgacopulo heiratet und zum Teilhaber aufsteigt.
1936 – Eröffnung des neuen Groß- und Einzelhandelsgeschäftes
In der Madabegh Straße 44 (heute Sherif Straße und immer noch
Hauptsitz von "Lehnert & Landrock"), das sich bis 1939 jedes
Jahr vergrößert und zu einer bekannten deutschen Buch- und Kunsthandlung
aufsteigt.
1937 – Landrocks Stief-Enkel Edouard wird geboren.
1938 – Landrock verbringt erstmals nach 14 Jahren wieder
einen Urlaub in Deutschland. Er erkennt die Kriegsgefahr, kehrt nach Kairo
zurück und verkauft Kurt Lambelet 80 Prozent des Geschäfts, das
ab dem 28. September unter "L & L Succ. Ernst Landrock & Co."
firmiert.
Krieg und Revolution
1939
– Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hält sich Ehepaar Landrock
in Deutschland auf, ihre letzte Reise, sie sehen Ägypten nie mehr. Im
selben Jahr beendet Lehnert seine beruflichen Aktivitäten, zieht sich
in sein Haus in Karthago zurück.
In Kairo schließen die Engländer das vermeintlich deutsche Geschäft,
aber es gelingt dem energischen Kurt Lambelet unter Berufung auf seine Schweizer
Staatsbürgerschaft seinen Geschäftsanteil zurückzuerhalten.
Allerdings muß er sich der veränderten Lage anpassen, bietet er
den alliierten Soldaten Landeserzeugnisse wie Leder und Silberschmuck an.
Denn Importe aus Deutschland sind verboten, die aus England rationiert, er
darf nur noch die schlechten lokalen Druckereien nutzen.

1944 – Nach dem Tod seiner Frau lebt Lehnert bei Tochter
und Schwiegersohn in Redeyef in der Oase Gafa.
1945 – Die englischen Sequester übergeben den
20-Prozent-Geschäftsanteil Landrocks an Ägypten. Am 19. November
kauft Lambelet den Anteil, nennt die Firma jetzt "Lehnert & Landrock,
K. Lambelet succ.". 1946 – Die Buchhandlung wird
reorganisiert, um technische Fachliteratur in englischer Sprache erweitert,
die deutsche Abteilung wieder aufgebaut.
1948 – Am 16. Januar stirbt Lehnert in Redeyef, findet
seine letzte Ruhe neben seiner Frau in seiner Wahlheimat Karthago.
1952 – Die Revolution wirbelt das Land und die Geschäftswelt
durcheinander, ein Volksaufstand setzt Kairo in Flammen, verwüstet von
Ausländern geführte Geschäfte. Dr. Edouard Lambelet erinnert
sich: "Unsere nubischen Angestellten haben die Buchhandlung vor der Zerstörung
gerettet, sie beschützt, als sei sie ihr Eigentum. Ohne unsere treuen
Nubier wäre unser Geschäft verloren gewesen. Es war die schwierigste
Zeit für uns."
1954 – General Gamal Abdel Nasser übernimmt von
General Mohamed Naguib die Führung des Landes, wird Präsident der
Arabischen Republik Ägypten.
1956 – Alle großen Firmen werden nationalisiert,
glücklicherweise ist Lehnert & Landrock zu klein. Am 1. Januar 1965
gründet Kurt Lambelet mit Edouard und seinem leitenden Angestellten Georges
Angelidis als Gesellschafter die "L & L. K. Lambelet & Co."
. Edouard Lambelet verläßt Ägypten, macht in der Schweiz sein
Abitur, leistet dort seinen Militärdienst, absolviert sein Geologie-Studium
in Hamburg. In Heidelberg lernt er seine jetzige Ehefrau, die Romanistin Roswitha
Götz, kennen.
1966 – Ernst Landrock stirbt am 30. April in Kreuzlingen
am Bodensee.
Unruhe, Bewegung, verborgene Schätze
1968/69
– Die Erteilung von Import-Lizenzen wird zunehmend schwieriger. Dank
seiner Beziehungen gelingt es dem Ägypter Farid El-Bahnassawi die dringend
benötigte Lizenz für "L & L" zu beschaffen, Geldüberweisungen
zu ermöglichen. Kurt Lambelet stellt ihn ein, verliert dadurch jedoch
Georges Angelidis. Und es geschieht etwas völlig Unerwartetes: Auf Fürsprache
des damaligen Kulturministers Sarwat Okasha wird nach 40 Jahren ein Antrag
für eine Niederlassung im Ägyptischen Museum bewilligt. "L
& L" weitet das Angebot an touristischen Büchern in deutscher,
englischer, französischer, italienischer und spanischer Sprache aus.
1984 kommt Japanisch, 1995 Russisch hinzu.

1975 – Nach Jobs als Geologe bei Ölgesellschaften
in Spanien und Holland, kommt Dr. Edouard beruflich wieder nach Ägypten.
1978 – Sein Vater fordert ihn auf, voll ins Geschäft
einzusteigen. Edouard willigt nach einigem Zögern ein, startet am 1.
Januar seinen neuen Job.
1979 – Kurt Lambelet erhält die ägyptische
Staatsbürgerschaft, am 9. Juli wird die neue Gesellschaft "L &
L, K. Lambelet, El-Bahnassawi & Co." gegründet. Es wird wieder
in Ägypten gedruckt, hauptsächlich bei der Druckerei Nubar, deren
Postkarten fast europäische Qualität erreichen. Die Nachfrage nach
Kunstdrucken steigt, die Abteilung touristischer Bücher entwickelt sich
zu einer der besten des Landes. 1982 – Dr. Edouard
Lambelet entdeckt in einem Lager die verborgenen Schätze der Familie:
Hunderte von historischen, verstaubten Fotoplatten von Rudolf Franz Lehnert.
Er beginnt sie zu reinigen, zu sortieren, zu katalogisieren. Mit Hilfe eines
alten Labors und mit einem Fotografen werden in der alten Arbeitsweise die
ersten Aufnahmen entwickelt und gedruckt.
1984 – Im November veröffentlicht der Schriftsteller
und Journalist Philippe Cardinal einen Artikel über die Entdeckung in
der französischen Zeitung "Liberation".
1986 – Cardinal publiziert einen im Institut d’Orient
in Paris in alter Technik gedruckten Portfolio mit 20 Fotos. In mehreren französischen
Städten werden Ausstellungen organisiert, Lehnerts Tochter Eliane Bernet,
die inzwischen im südfranzösischen Uzes lebt, stellt den Lambelets
einige Bilder Lehnerts zur Verfügung. Vom 12. September bis 3. November
1991 wird im Musée de l’Elysée in Lausanne eine Ausstellung
von Lehnerts Werk gezeigt.
1985 – Farid El-Bahnassawi zieht sich zurück,
das florierende Geschäft wird unter dem Namen "L & L, Kurt &
Edouard Lambelet" weitergeführt. Kurt führt die traditionelle
Kunstdruck-Abteilung mit Postkarten, Kalendern, Büchern, Postern und
Drucken auf echtem Papyrus, Edouard widmet sich der Buchhandlung, veröffentlicht
gelegentlich selbst touristische
Bücher. Seine Frau Roswitha leitet die Niederlassung im Ägyptischen
Museum.
1987 – Im Verlag Editions Favre, Lausanne, erscheint
das Buch "Lehnert & Landrock, l’Orient d’un photographe"
von Philippe Cardinal.
1997 – Mit fast 92 Jahren stirbt Kurt Lambelet am 11.
März, wird in Rüschlikon am Zürcher See beigesetzt. Wie es
der Vater gutgeheißen hatte, ändert sich erneut der Firmenname
in "L & L, Edouard Lambelet & Co.". Das Co. steht für
Ehefrau Roswitha Lambelet und Tochter Eveline.
1995 – Dr. Lambelet lernt den kanadischen Fotografen
Chris Langtvet kennen, einen Fan historischer Fotoplatten. Zwischen Lambelet
und Langtvet – wieder zwei L‘s! – funkt es, sie vereinbaren
eine Zusammenarbeit. Langtvet richtet sich ein Foto-Labor in Kairo ein, erlernt
die alte Technik und beginnt mit der langwierigen Reproduktion der großen
alten Negative in Original-Größe. So kiann kann das Lebenswerk
Lehnerts für die Nachwelt erhalten werden.
1999 – Das Ergebnis der mühsamen Arbeit steht
erstmals im öffentlichen Rampenlicht: In der "Mubarak Public Library",
im Goethe-Institut in Kairo und im "Institut für Auslandsbeziehungen"
in Stuttgart. Edouard und Roswitha Lambelet konzentrieren sich seitdem mehr
und mehr auf die Fotos, organisieren kleinere und größere Ausstellungen.
2003 – Die erste Foto-CD (mehr dazu hier)
erscheint, jetzt kann sich jeder (leider nur Windows-Nutzer) am Computer seine
eigene Austellung zusammenstellen. Ein neues Kapitel in der Geschichte der
alten Fotos hat begonnen.
Mit diesem Link gelangen Sie auf eine interessante deutsche Website über das Thema
"Lehnert und Landrock". Hier haben Sie auch die Möglichkeit Ansichtskarten zu erwerben. |