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Krach auf der West Bank - Teil I

In Ramlah geht die Angst um

Die Geschehnisse im Februar/März 2004 muteten an, wie die Ausübung autoritärer Staatsgewalt. Und zugleich spielten sich menschliche Szenen ab, die in Europa wohl unter solchen Umständen unvorstellbar wären. Die Geschehnisse - das meint den brutalen Abbruch von Häusern am Nil. In Ramlah (Foto oben aufgenommen vom Boot aus im März 2004), einem neu entstandenen Teil des Dorfes El Gezira auf der West Bank von Luxor. Hier geht die Angst um. Die Angst vor dem Verlust von Investitionen. Mit jedem Schlag der Schaufel eines Baggers, der Häuser niederriss, wuchs sie. Und die Wut auf die Regierung.

Es gab einen Erlass des Ministerpräsidenten Dr. Atef Ebeid. Kurzer Inhalt: Die Häuser in Ramlah wurden illegal gebaut, müssen abgerissen werden. Es gab auch einen Drei-Stufen-Plan. Zuerst sind die unbewohnten Häuser ohne Elektrizität und Wasser dran, dann die bewohnten ohne Wasser und Strom und am Ende die vollständig angeschlossenen und bewohnten Häuser. Die Angst ging um, Investitionen drohten verloren zu gehen.

Am 14. März deutete sich eine eventuelle Lösung der Problems an. "Wir haben lange mit zuständigen Parlamentariern in Kairo verhandelt. Jetzt ist der Abriss vorerst gestoppt", erzählte Sayed Farag, Mitglied des Stadt-Parlaments von Luxor, nach den Gesprächen. Ein erster Erfolg. Aber noch keine endgültige Lösung. Demnächst soll eine Parlamentarier-Delegation aus Kairo die Lage begutachten, dann dem Ministerpräsidenten eine Empfehlung unterbreiten. Die Angst in Ramlah geht immer noch um, auch wenn es offensichtlich eine Atempause gibt. Wir waren bei Abrissen dabei.

Die Bagger rollen an...

Es ist Sonntag, 29. Februar 2004. Am frühen Nachmittag rollen sie wieder einmal an. Die blauen Mannschaftswagen der Polizei, die riesigen Schaufellader, ein Bagger. Und natürlich die vielen wichtigen Personen mit Handy und wichtigen Listen und noch wichtigeren Mienen ausgerüstet. Wieder einmal ist Abbruch angesagt. Der Abbruch von Häusern im Rohbau. "Heute sollen zehn Häuser abgerissen werden", sagt uns ein Bekannter. Aber genau weiß es niemand. Doch für den Abriss von zehn Häusern ist es zu spät, schließlich ist es schon drei Uhr nachmittags. Immerhin, die Arbeit der Regierungstruppe beginnt. Wenn auch mit Verspätung. Denn der Bagger bleibt auf der Anfahrtdrei Mal liegen, muß eilig repariert werden. Um ein Haus dem Erdboden gleich zu machen, genügen die Schaufellader. Der Bagger kommt zu spät, dreht inmitten einer wachsenden Menschenmenge auf dem schmalen Sandweg mühsam um.

Es geht zum nächsten Haus. die Männer mit den Handys am Ohr, mit den wichtigen Listen und noch wichtigeren Mienen, dirigieren die Abbruch-Fahrzeuge und die Polizeiwagen. Das Ziel ist ausgemacht. Ein einstöckiger Rohbau auf einem Gelände, das noch vor knapp einem Jahr unbebaut zum Verkauf stand. Für damals rund LE 100.000 für ein Grad (ca. 175 qm).

Die wichtigen Männer in Zivil schicken Polizisten ins Haus, sogar welche mit vier Sternen auf der Schulter. Die Menge rundherum schweigt. Ein seltenes Ereignis im sonst so lauten Luxor. Dann beginnt der Auszug. Aus dem Haus werden Türen, Herd, Küchengeräte geschleppt. Die Polizei und das Räumkommando warten. Nur die Handys der wichtigen Männer klingeln unaufhörlich.

Schließlich scheint das Haus leer geräumt zu sein. Ein Polizist (vier Sterne auf der Schulter) gibt den Befehl zum Abbruch. Die Schaufellader rücken an, der Bagger mit seinen quietschenden Laufketten. Nach knapp 15 Minuten gleicht das Haus einem Trümmerfeld. Aber das reicht einem der wichtigen Herren in Zivil nicht. Schließlich stehen da noch Mauerreste um eine Tür mit Türsturz. Also muß der Bagger nochmal ran.

Trotz alledem kleine, freundliche Gesten

Nur wenige Meter weiter steht das nächste Haus, das auf der ominösen Liste steht. Wieder werden Möbel herausgetragen. Das Gelände ist inwischen von Polizisten mit Helmen und Schlagstöcken abgeriegelt. Die mit Schusswaffen bestückte Abteilung wartet noch im Mannschaftswagen. Und immer noch herrscht eine gespenstische Ruhe unter den Beobachtern. Nur drei Frauen kämpfen sich weinend zu den Trümmern des vorher niedergerissenen Hauses durch - nach langem Palaver mit den Uniformierten. Dort klagen sie wie bei einer Totenwache.

Aus dem zweiten Haus werden Gasflaschen gebracht. Offenbar neu und voll, denn der Träger ächzt, setzt draußen die Flasche schnell ab. Polizisten weisen ihn an, sie weiter wegzubringen, doch er schafft es nicht. Andere Polizisten kommen, helfen ihm, das gefährliche Teil aus der Gefahrenzone zu bringen. Anschließend folgt gegenseitiges Schulterklopfen. Eine Szene, die in Europa kaum vorstellbar ist.

Der Baggerführer beginnt seine Arbeit. Die Sonne brennt mittlerweile, es ist einer der ersten wirklich heißen Tage in Luxor. Vom Nachbargrundstück werden Stühle gebracht. Damit die wichtigsten der wichtigen Männer sich setzen können, das Schauspiel des Abbruchs von einem Schattenplatz aus verfolgen und Anweisungen geben können. Cola wird ihnen serviert. Sie nehmen alles hoheitsvoll an.

Ein gemeiner Polizist, jung und durstig, löst sich aus der Reihe, winkt einen Jungen heran und hält ihm einen Plastikbecher hin. "Maya?" (Wasser), fragt er. Der Junge sputet sich, um vom Nebengrundstück Wasser für den Polizisten zu holen. Und die Menge schweigt apathisch weiter.

Diesmal stellt sich das Haus als solider gebaut heraus. Mit den steinernen Wänden hat der Bagger keine Mühe. Ein leichter Schlag und eine ganze Wand fällt zusammen als sei sie aus Pappmache. Nur die Betonpfeiler bereiten ihm Mühe. Diesmal dauert es gut eine halbe Stunde, bis auch hier nur noch ein Trümmerhaufen liegt.

Es geht gegen fünf Uhr. Das nächste Haus ist dran. Auf demselben Grundstück und vorher schon einmal zum Teil demoliert. Bagger und Schaufellader verrichten jetzt den Rest. Wieder werden für die wichtigsten Männer Stühle in den Schatten der Bäume gestellt, wieder wird Cola serviert. Und immer noch schweigt die Menge.

Dann ist Schluss für heute. Einige atmen erleichtert auf, aber die Angst bleibt. Wann kommen sie wieder, die Bagger und Schaufellader, die Mannschaftswagen der Polizei? Wer steht noch auf den wichtigen Listen der wichtigen Männer mit den Handys und den noch wichtigeren Mienen? Keiner weiß es. (Text und Fotos Wolfgang Sliwka)

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