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Hatschepsut - ihr Tempel
wahrt sein letztes Geheimnis

Er gilt als die perfekte Kombination von Natur und Architektur. Anmutig schmiegt sich der dreistufige Terrassentempel der Königin Hatschepsut (18. Dynastie, ca. 1504 - 1483 v.Chr.) an die bis zu 280 Meter hohen Felsenklippen. Er ist berühmt wegen seiner Darstellungen von Jagd und Fischfang mit den Reliefs der ersten Terrasse. Und natürlich wegen der wohl einmaligen Reliefs der zweiten Terrasse, mit denen Hatschepsut die Legende begründete, der Reichsgott Amun sei ihr leiblicher Vater - die Legitimation für ihre Königswürde. Dann Darstellungen der Expedition in das sagenumwobene Land Punt (wahrscheinlich Somalia) mit naturgetreuen Bildern der Fische im

Roten Meer, der Menschen in Punt oder den mitgebrachten seltenen Dingen wie den Weihrauch-Bäumen. All dieses wurde schon von Millionen Touristen bewundert. Doch das letzte Geheimnis des Tempels blieb dem Besucherstrom verwehrt: Die dritte Terrasse (Foto rechts). Jetzt ist sie nach 40jähriger Restaurierung und der Eröffnung durch Staatspräsident Hosni Mubarak zwar erstmals zugänglich, aber sie birgt immer noch ein Geheimnis - das für Besucher gesperrte Sanktuarium. Wir durften - mit besonderer Erlaubnis - das Allerheiligste besichtigen.

Aufstieg von der zweiten Terrasse. Mit jedem Schritt rücken die aufragenden Felsen näher, werden die Konturen der 26 Osiris-Statuen der Fassade, die einstmals alle das Porträt Hatschepsuts trugen, klarer. Statuen und Felsen verschmelzen zu einer optischen Symphonie.

Ein Inspektor führt weiter auf der Empore. Ziel ist eine Kopf-Skulptur von Hatschepsut (Foto links). "Wohl die schönste, die ich kenne", strahlt er. Tatsächlich wirkt das steinerne Monument der Tochter des Königs Thutmosis I. (ca. 1524 - 1518 v. Chr.) so lebendig, als wäre das Gesicht gerade
als Maske vom lebenden Gesicht des Models abgenommen worden. Ein wenig des Glanzes ihres Thronnamens läßt sich erahnen: Maat-ka-re - Weisheit ist die Seele des Re.

Weiter geht es durch einen einstmals von einem Granit-Tor verschlossenen Eingang in den Hof. Reste von Säulen, die früher ein Dach trugen, ragen in den blauen Himmel. Darüber die steil aufsteigenden Felsen. Sie wirken nicht drohend, es scheint, als ob sie einen umarmen wollten. Hier ahnt man, warum Hatschepsut und ihr Kanzler und Baumeister Senenmut diesen Platz wählten. Haben die Götter die Welt erschaffen, so umarmen sie hier in Gestalt der Felsen die Menschen, vermitteln etwas wie Geborgenheit. Dies ist der Ort, an dem Hatschepsut, die nach dem Tod ihres Mannes Thutmosis II. (ca. 1518 - 1504 v. Chr.) die Regentschaft übernahm, das Opet-Fest und das Ernte-Fest zelebrierte. Der Ort von Leben und Wiederauferstehung, ein Symbol des Kreislaufs der Natur. Hier kann man spüren, warum der Tempel djeser djeseru - das Heiligste des Heiligen - hieß.

Besuch bei einer Familie

Am westlichen Ende des Hofs lockt unterhalb der Schutzmauer (gegen Steinschlag von den Felsen) ein Eingang. Der Gang in das Allerheiligste. Rund 25 Meter tief wurden die Kapellen in den Fels getrieben. "Das hat wohl 15 Jahre gedauert", meint der Inspektor. Der erste Raum, so erklärt Mohamed El Bialy (Direktor der Antiken-Verwaltung für Ober-Ägypten), enthielt früher die heilige goldene Barke des Reichsgottes Amun, den Hatschepsut in der von ihr geschaffenen Legende zu ihrem Vater erkor, dazu einen Schrein mit einer goldenen Statue des Gottes.Geblieben ist davon nichts. Außer der Legende.

Geblieben ist doch etwas. Die einst nur für Hatschepsut (ihr Name bedeutet "Erste der edlen Frauen") und den Hohepriester zugängliche Kapelle mit der tonnenförmigen, teilweise in strahlendem Blau bemalten Decke ist geschmückt mit farbenprächtigen Reliefs. Ocker, blau, rot, türkis leuchten die Bilder, als wären sie nicht schon knapp 3500 Jahre alt. Hier findet sich die einzige bekannte Darstellung der Königin mit ihrer Schwester Nefru-biti (Foto oben links) und ihrer Tochter Nefru-re (Foto oben rechts). Opferszenen mit Hatschepsut und ihrem Stiefsohn Thutmosis III. im Hintergrund stellen das Familienleben dar. Eine Königin wird wieder lebendig. Weitere Kapellen schließen sich an, bevor der letzte Raum wartet. Der wurde unter ptolomäischer Herrschaft umgestaltet, die gut erhaltenen Reliefs sind nicht ausgemalt.

Es geht zurück in den Hof. Noch ein Blick auf die Felsen, durch das Tor auf das weite grüne Fruchtland. Am Horizont erhebt sich auf dem östlichen Nil-Ufer der mächtige Pylon des Amun-Tempels von Karnak parallel zum Hatschepsut-Tempel. Stellt man sich jetzt noch vor, dass der Aufweg einst von Sphingen Blumen und Bäumen gesäumt war, bekommt man die Vorstellung eines kleinen Paradieses.

Schützen statt Schatzsuche

Ein Paradies, das kleine Geheimnisse birgt. "Wir haben zwei Fenster in der Felsen-Kapelle entdeckt (Foto unten), durch die die Sonne zweimal im Jahr auf die goldene Barke schien", erklärt Mohamed Bialy (Foto links in seinem Büro). Ein Lichtspiel, wie es später Ramses II. im Tempel von Abu Simbel wiederholen ließ. Dann leuchtet auch das Blattgold, mit dem der Rahmen einer Tür am Ende der Kapelle verkleidet war. Noch heute sind Reste davon (Foto ganz unten) zu sehen, geben einen Eindruck von der einstmals so prächtigen Ausschmückung des Heiligtums. Bialy: "Der Tempel ist ein neues Highlight, ein Muss für jeden Ägypten-Liebhaber."

Der Fachmann für die Pharaonen der 18. Dynastie, besonders für die Königinnen, arbeitet gut 17 Jahre auf der West Bank, war fünf Jahre Herrscher der Gräber und Tempel als Generaldirektor der Antikenverwaltung für Theben West. Er gehört zu der neuen Generation von Archäologen. "Wir müssen restaurieren um die Geschichte zu entdecken. Aber dabei ist nur die Reinigung der Originalstücke erlaubt. Bei unseren Arbeiten gab es keine Neuzeichnungen von Reliefs. Wir suchen nicht mehr nach Schätzen. Unsere Aufgabe ist es, die Monumente zu schützen, für die nächsten Generationen zu bewahren", erläutert er seine Ansicht von moderner Archäologie.

Vieles ist nur Legende

Modern gibt sich Bialy in anderer Hinsicht. "Viele Wissenschaftler übernehmen liebgewordene alte Erkenntnisse, die nicht richtig sind", übt er Kritik an einigen Kollegen. Und er räumt gleich mit Legenden um Hatschepsut auf.

Da ist die Legende der Familien-Rache. Thutmosis III. (regierte offiziell von ca. 1504 - 1450 v.Chr.) wird vielfach zugeschrieben, dass er serienweise Bildnisse Hatschepsuts zerstören ließ. Schließlich musste der Stiefsohn der Königin rund 21 Jahre auf die Thronbesteigung warten, weil sich Hatschepsut nach der Zeit der Mitregentschaft für den minderjährigen Thronfolger ab 1504 v.Chr. etwa 1498 selbst zur Pharaonin ernannt hatte. Wissenschaftler sehen die Bilderstürmerei als späte Genugtuung eines unterdrückten, hasserfüllten Mannes.

"Unter Thutmosis III. hat es vielleicht kleinere Zerstörungen
gegeben. Aber er hat keine große Kampagne eingeleitet. Einmal war er von seiner Familie fasziniert. Dann hat er unter Hatschepsut eine gute Erziehung genossen, sie hat ihn zu dem gemacht, was er wurde. Außerdem war die politische und soziale Balance im damals größten Reich der Welt wichtig. Hier spielte Thutmosis eine große Rolle. Er war viel zu beschäftigt, als dass Bilderschändungen für ihn wichtig sein konnten. Und schließlich zeigen erhaltene Reliefs Thutmosis und Hatschepsut gemeinsam bei der Opfer-Zeremonie", meint Bialy.

Die größten Zerstörungen im Tempel seien unter dem sogenannten "Ketzerkönig" Echnaton (ca. 1350 bis 1334 v. Chr.) entstanden, dann in den Anfängen des Christentums, als Mönche ihn als
Kloster nutzten. Aus dieser Zeit stammt auch der heutige Name des Tempels "Deir El Bahari", Nord-Kloster. Auch nach zehnjährigen Reinigungsarbeiten ist die Decke in der Amun-Kapelle teilweise noch schwarz vom Rauch der Feuer der Mönche (Foto links). "Die Reliefs waren vollständig darunter verschwunden", sagt Bialy.

Noch eine Legende. Nichts sei auch dran an der vielbeschriebenen Liebesaffäre zwischen Hatschepsut und ihrem Baumeister Senenmut, dem mächtigsten Mann in ihrem Reich. "Hatschepsut war eine wirkliche Königin, eine sehr starke Persönlichkeit, die ihren eigenen Weg ging. Sie wusste genau, wie sie wen einsetzen, nutzen konnte. Aber so eine Geschichte macht sich für Romane ja immer gut", lacht Bialy. Und ergänzt: "Sie wusste wahrscheinlich nicht einmal, dass Senenmut ein Grab für sich im Tempel angelegt hat." Das wurde allerdings nie benutzt.

Die Legenden ranken sich noch heute um Königin Hatschepsut. Ihr Name wurde in den Königslisten etwa von Abydos verschwiegen. Sie hatte zwei Gräber angelegt. Eines in einem entlegenen Tal, das nach der Erforschung durch Howard Carter als ungenutzt beschrieben wurde. Und eines im Tal der Könige (KV 20), in dem sie nach ihrem Tod ca. 1483 v.Chr. wohl bestattet wurde. Doch ihre Mumie wurde nie gefunden. Genügend Stoff für neue Geschichten.

Aber eines ist wiederentstanden. Der Tempel der Hatschepsut, nach 40jähriger Restaurierung durch polnische und ägyptische Wissenschaftler strahlt er fast wieder in alter Pracht (Fotos unten, links eine Aufnahme der dritten Terrasse vor Beginn der Arbeiten aus dem Buch "Ägypten - Architektur, Plastik, Malerei in drei Jahrtausenden", Hirmer-Verlag, München, 1985, rechts ein Foto von uns nach der Eröffnung). Auch wenn von der dritten Terrasse nur etwa 40 Prozent als Originalteile vorhanden sind, der Rest möglichst naturgetreu aber ohne Reliefs nachgebaut wurde. Ein Besuch lohnt sich allemal - auch wenn das Allerheiligste weiter ein Geheimnis bleibt. Wie so vieles aus dem Leben der Königin Hatschepsut. (Text Antje und Wolfgang Sliwka , Fotos Antje Sliwka)

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