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Die Anstrengung lohnt sich aber. Nur selten sind die Arbeitsschritte der Baumeister und Künstler in den Gräbern so genau nachzuvollziehen. Gerade weil es unvollendet ist. Da sind auf dem grauen Untergrund erste Gitternetze als Vorgabe für die Skizzen der Figuren zu erkennen. Dann Figuren, an denen Korrekturen vorgenommen worden sind (Foto ganz unten links). Und schließlich folgen farbenprächtige fertige Gemälde. "Hier können wir alle Baustufen für ein Grab genau nachvollziehen", schwärmt denn auch Mohamed El Bialy, Direktor der Antiken-Verwaltung für Ober-Ägypten. "Hier hat man das Gefühl,dieArbeiter und Künstler kommen gleich zurück." Hat man erst einmal die Technik der Künstler verstanden, sieht man auch die vollendeten Dekorationen mit anderen Augen. Die sind wahrhaft königlich, gesteht selbst El Bialy beeindruckt ein: "Hier haben wir Szenen in unglaublich prächtigen Farben, die oft in starkem Kontrast stehen." Prächtig ist der richtige Ausdruck. Denn wer sich beispielsweise die Götterbildnisse von Osiris, Anubis, Horus, Ptah, Hathor oder Isis anschaut, könnte wirklich meinen, sie seien gerade porträtiert worden. Noch heute nach 3300 Jahren sind die Linien klar, die Farben brillant. Kleine künstlerische Meisterwerke, tief versteckt in den Felsen (Fotos unten und ganz unten: Haremhab in Begleitung von Göttinnen und Göttern).
Ein Meisterwerk und eine Besonderheit ist auch das sogenannte "Pfortenbuch", eine Variante des "Totenbuchs". El Bialy erklärt: "Es ist die Fahrt des Verstorbenen im Totenreich. Er muß eine Reihe von bewachten Pforten passieren, an jeder muß er eine Aufgabe bestehen, ein Problem lösen. Jede Pforte wird als eigenes Kapitel dargestellt." Zwölf solcher Kapitel finden sich im Grab des Haremhab. El Bialy ergänzt: "Es ist die erste bekannte Darstellung des Pfortenbuchs überhaupt." Vielleicht, weil Haremhab auch auf seinem Weg zum Thron eine ganze Reihe von Aufgaben zu lösen hatte? Eine weitere Besonderheit dieser sehenswerten Grabanlage ist der vollständige Sarkophag aus Rosengranit mit Reliefs geflügelter Schutz-Göttinnen, der vier Horus-Söhne und Anubis (Foto unten), in dem der Herrscher bestattet worden sein soll. Allerdings wurde seine Mumie bisher nicht gefunden.
"KV 57" wurde am 25. Februar 1908 von Edward Ayrton, der für Theodore Davis arbeitete, entdeckt. Gemeinsam machten sich die Briten noch im selben Jahr an die Ausgrabungsarbeit. Leider wurden ihre Aufzeichnungen nie publiziert, die Manuskripte nie gefunden. Eine komplette Foto-Dokumentation stellte später der Engländer Harry Burton für das New Yorker Metropolitan Museum of Art zusammen, die Wanddekorationen wurden 1971 vom Schweizer Erik Hornung noch einmal in Farbe dokumentiert und publiziert. Haremhab, der Mann aus der Nähe des Fayyoum, diente schon unter Amenhotep III. (ca. 1386 - 1349 v. Chr.) beim Militär, wurde unter Echnaton (ca. 1350 - 1334 v. Chr.) Oberster Befehlshaber, stieg unter Tut-ench-Amun (ca. 1334 - 1325 v. Chr.) zusammen mit seinem Rivalen Eje (auch Aja oder Ay) zum Berater des Königs auf. Seine Ambitionen auf den Thron musste er allerdings zurückstellen. Nach dem Tod Tut-ench-Amuns heiratete Eje (ca. 1325 - 1321 v. Chr.) dessen Witwe, erhielt die Doppelkrone. Erst nach Ejes Tod erklärte sich Haremhab selbst zum König. Als Befehlshaber hatte sich Haremhab in Sakkara schon ein erstes Grab bauen, es nach der Thronbesteigung sogar mit der königlichen Uräus-Schlange schmücken lassen. Aber nachdem er sich den Lebenstraum von der Doppelkrone erfüllt hatte, mußte auch seine Begräbnisstätte natürlich in königlicher Umgebung liegen, nämlich im Tal der Könige. Haremhab, sein Grab erinnert auch heute an den Aufstieg des Mannes aus dem Nichts zum Herrscher der Welt. (Text und Fotos Wolfgang Sliwka)
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