English Version
 
Ägypten aktuell
West Bank Stories
Gut zu wissen
Sehenswürdigkeiten
Hotels
Restaurants
Ferienwohnungen
Shops
Service-Anbieter
Spezial-Touren
Marktplatz
Ägypten-Links

Archiv

Kontakt
Sitemap

 

 

 

 

 

Geheimnisse Teil I

Verlorene Schätze, vertrackte Namen, verzwickte Daten

Eigentlich begann alles ganz harmlos. Wir wollten nur einen ägyptischen Freund in einem Restaurant treffen. Das klappte auch. Was folgte, das war schon so etwas wie eine konspirative Sitzung. Nagib Machfus (Foto rechts im Caféhaus bei der täglichen Lektüre der Tageszeitungen) hätte am Nebentisch seine Freude daran gehabt. Aber wir wollen nicht ins Literarische abschweifen.

Oder doch ganz kurz für Ägypten-Neulinge (Kenner der Materie mögen uns verzeihen). Machfus, 1911 in Kairo geboren, hat viel über Ägypten geschrieben. Sein Fleiß wurde 1988 mit dem Nobelpreis für Literatur belohnt. Was in Ägypten gar nicht gut ankam. Denn hier waren damals viele seiner Werke verboten. Machfus beschreibt in seinen Erzählungen und Romanen die Mechanismen der ägyptischen Gesellschaft, wie etwa die herrschende janusgesichtige Moral, besser und vor allem unterhaltsamer, als Sie es in jedem Universitäts-Seminar lernen können. Nur fühlte sich die ägyptische Obrigkeit durch Kritik an Mißständen in ihrer Ehre gekränkt. Und was Ehre in diesem Land bedeutet, lernen Sie bei Machfus. Eine bessere Lektüre zur Einstimmung, um soziale Strukturen und Normen zu verstehen, gibt es bis heute nicht (Taschenbücher in deutscher Sprache erscheinen im Unionsverlag, Zürich).

Doch zurück in unser Restaurant auf der West Bank (den Namen verschweigen wir aus Höflichkeit). Unser Freund, nennen wir ihn einfach Mamdouh (so heißt übrigens der Tourismus-Minister), hat seinen Onkel Ahmed, einer von den Tausenden Onkel Ahmeds, mitgebracht. Das Gespräch plätschert so dahin. Bis, nachdem wir uns über Tourismus und neue Ideen dafür unterhalten haben, plötzlich Onkel Ahmed eingreift. Ob wir denn Kontakte zu europäischen Archäologen hätten, die vielleicht etwas mal ganz nebenbei entdecken wollten. Er wüsste da etwas. Aber verraten kann er das natürlich nur gegen Bares.

Solche Gespräche kennen wir. Schon häufiger wurden uns "echte" Antiquitäten angeboten, manches mag sogar echt gewesen sein. Oder wir wurden nach Kontakten zum internationalen Schwarzmarkt für Antiquitäten gefragt. Wenn man länger auf der West Bank lebt, lösen sich so manche Zungen. Wir entgegnen Ahmed, da ginge nichts, verweisen auf Vorschriften, auf den archäologischen Ehrenkodex, auf mögliche Schwierigkeiten, auf einen möglicherweise drohenden Aufenthalt im einzigen kostenfreien, dafür aber auch unkomfortabelsten Gasthaus Ägyptens - im Gefängnis. Doch Ahmed beharrt auf seinem Thema. Das kann nicht nur an seiner Cola liegen, die den unverkennbaren Duft eines schottischen Nationalgetränks verströmt.

"Ihr erinnert euch doch an Howard Carter", beginnt Onkel Ahmed, der im alten Dorf Qurna lebt, wieder. "Nachdem er das Grab von Tut-ench-Amun (Foto links: Die Goldmaske, die im Ägyptischen Museum in Kairo zu bewundern ist) geöffnet hatte, wurden viele Schätze heimlich in die Berge geschafft, dort vergraben. Nur ein Wächter, ein Vertrauter Carters, kannte den Platz, markierte ihn. Doch dann kam heftiger Regen, spülte die Markierungen weg und der Wächter fand den Platz nie wieder. Ich kenne ihn, einige Leute aus meiner Familie haben ihn gefunden. Aber wir können nichts machen, weil in der Gegend überall Polizei unterwegs ist."

So ganz unmöglich klingt die Geschichte nicht. Immer wieder wird selbst in Archäologen-Kreisen hinter vorgehaltener Hand darüber getuschelt, dass der edle Ausgräber Carter so einiges an Schätzen hat verschwinden lassen. Und die Leute von Qurna - viele von ihnen arbeiteten seinerzeit für Carter - sind seit Generationen dafür bekannt, die Gegend und ihre Geheimnisse besser zu kennen und (zu ihrem finanziellen Vorteil) zu "nutzen", als alle Archäologen zusammen.

Doch Onkel Ahmed legt noch nach. "Ich weiß übrigens auch, wo Königin Hatschepsut (Foto unten rechts: Der wunderschöne Kopf der Königin steht im Vorhof der dritten Terrasse ihres Totentempels in Deir El Bahari) wirklich begraben liegt", grient er verschmitzt. Das wäre eine Sensation, denn die Mumie der Pharaonin wurde bis heute nicht gefunden, ihr Grab im Tal der Könige war bei der Entdeckung leer. Aber auch diesen Ort könne er natürlich nur gegen Bares verraten, sagt Ahmed. Immer wieder scheinen Dollarzeichen in seinen Augen zu blinken.

Bei Machfus könnte die Geschichte so weitergehen: Onkel Ahmed überzeugt nach einigen weiteren Gläsern Cola mit dem eigentümlichen Duft (das Parfum ist sicher vor den Augen der Obrigkeit im Kühlschrank für Cola u.ä. unter einer Plastiktüte mit mehreren Litern Milch deponiert) die Ausländer, legt sie mit seinem Clan kräftig rein, gerät dann in die Fänge der Bürokraten, muss hier kräftig schmieren und am Ende die kleinen Geheimnisse, die er wirklich kennt, ganz ohne Gewinn verraten, um zu überleben. Bei uns endet die Geschichte hier. Aber sie ist wahr.

Was die Geschichte zeigen soll, ist die Bedeutung der antiken Stätten für die Bewohner der West Bank, aber auch das Problem, dass viele damit haben. Sie wissen, dass die Hinterlassenschaften der altägyptischen Könige ihr Reichtum sind. Aber dieser kulturelle Reichtum macht viele Familien nicht satt, der Profit aus den Touristenströmen fließt in andere Taschen. So träumt so mancher vom großen illegalen Coup. Eine immer noch unterschwellig verbreitete Meinung fasst der gute Onkel Ahmed kurz zusammen: "Die Regierung sagt, die Stätten gehören Ägypten. Aber es ist unser Land, also gehört alles uns und wir können machen damit, was wir wollen.“ Wieder blinken Dollarzeichen in seinen Augen, denn immer noch machen die Geschichten von den früher gelungenen großen Coups mit illegalem Antiquitäten-Schmuggel die Runde. Und auch von Geschäften, die trotz aller offiziellen Vorsichtsmaßnahmen und Strafandrohungen immer noch laufen. Doch dieser Kuchen ist verteilt, auch wenn viele, wie auch Onkel Ahmed, ein bisschen daran knabbern möchten. Nur so offen wird das selten gesagt.

Alles "echt antik"

Das "Knabbern" am Geld der Touristen läuft sowieso über Repliken, über oft gutgemachte Kopien, die als "absolut echt, bloß keinem weiter erzählen" verkauft werden. Glücklich ist, wer darauf hereinfällt. Denn wird ein Tourist mit einem wirklich echten Stück erwischt, droht auch ihm der kostenlose Zwangs-Aufenthalt im Staats-Hotel. Trotz allem: Der Handel mit Repliken und mit einer minimalen Chance sogar echten Antiquitäten läuft. Dabei spekulieren die Händler auf die Gutgläubigkeit der Gäste, die darauf bauen, dass nur auf der West Bank noch die Chance auf wirkliche Funde aus pharaonischer Zeit besteht. Eben die Chance auf ein echtes Stück des Reichtums der Gegend. Doch wie gesagt: Glücklich ist, wer eine Kopie erwischt.

Hintergrund des fast schon verzweifelten Geschäftemachens ist, dass das heutige Oberägypten wirtschaftlich betrachtet der arme Teil des Staates ist. Zwar besitzt der Süden die Glanzlichter des pharaonischen Erbes. Zwischen Abydos mit dem phantastischen, unter Setoy I. (ca. 1291 - 1278 v.Chr.) erbauten Tempel zu Ehren des Totengottes Osiris im Norden bis zu den gigantischen Felsentempeln in Abu Simbel ganz im Süden, die Setoy-Sohn Ramses II. (ca. 1279- 1212 v.Chr.) für sich und seine Lieblingsfrau Nefertari in die Felsen schlagen ließ. Oberägypten ist eine wahre "Schatzkammer" für Kultur-Touristen, in deren Mittelpunkt Luxor liegt. Doch die Gewinne schöpfen mittlerweile große Firmen ab. In einer Gegend, in der die Bevölkerung fast ausschließlich vom Tourismus lebt. Was dann noch an Profit übrigbleibt, wird überwiegend auf dem Ostufer von Luxor gemacht. Für die "West Bankler" bleiben nur die Krumen. Kein Wunder, dass das Verhältnis zwischen den Bewohnern der West Bank und denen von Luxor-Stadt ungefähr so herzlich ist, wie die Freundschaft zwischen den Fußball-Fans von Borussia Dortmund und Schalke 04.

Sicher, das ist alles stark vereinfacht. Aber es läßt vielleicht so manche Äußerung, so manches Verhalten von "West Banklern" in einem anderen Licht erscheinen. (Text und Fotos Wolfgang Sliwka)

Hier gehts mit der Geheimniskrämerei weiter.

Druckversion