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Geheimnisse Teil I Verlorene Schätze, vertrackte Namen, verzwickte Daten Eigentlich begann alles ganz harmlos. Wir wollten nur einen ägyptischen Freund in einem Restaurant treffen. Das klappte auch. Was folgte, das war schon so etwas wie eine konspirative Sitzung. Nagib Machfus (Foto rechts im Caféhaus bei der täglichen Lektüre der Tageszeitungen) hätte am Nebentisch seine Freude daran gehabt. Aber wir wollen nicht ins Literarische abschweifen. Doch zurück in unser Restaurant auf der West Bank (den Namen verschweigen wir aus Höflichkeit). Unser Freund, nennen wir ihn einfach Mamdouh (so heißt übrigens der Tourismus-Minister), hat seinen Onkel Ahmed, einer von den Tausenden Onkel Ahmeds, mitgebracht. Das Gespräch plätschert so dahin. Bis, nachdem wir uns über Tourismus und neue Ideen dafür unterhalten haben, plötzlich Onkel Ahmed eingreift. Ob wir denn Kontakte zu europäischen Archäologen hätten, die vielleicht etwas mal ganz nebenbei entdecken wollten. Er wüsste da etwas. Aber verraten kann er das natürlich nur gegen Bares. Solche Gespräche kennen wir. Schon häufiger wurden uns "echte" Antiquitäten angeboten, manches mag sogar echt gewesen sein. Oder wir wurden nach Kontakten zum internationalen Schwarzmarkt für Antiquitäten gefragt. Wenn man länger auf der West Bank lebt, lösen sich so manche Zungen. Wir entgegnen Ahmed, da ginge nichts, verweisen auf Vorschriften, auf den archäologischen Ehrenkodex, auf mögliche Schwierigkeiten, auf einen möglicherweise drohenden Aufenthalt im einzigen kostenfreien, dafür aber auch unkomfortabelsten Gasthaus Ägyptens - im Gefängnis. Doch Ahmed beharrt auf seinem Thema. Das kann nicht nur an seiner Cola liegen, die den unverkennbaren Duft eines schottischen Nationalgetränks verströmt.
So ganz unmöglich klingt die Geschichte nicht. Immer wieder wird selbst in Archäologen-Kreisen hinter vorgehaltener Hand darüber getuschelt, dass der edle Ausgräber Carter so einiges an Schätzen hat verschwinden lassen. Und die Leute von Qurna - viele von ihnen arbeiteten seinerzeit für Carter - sind seit Generationen dafür bekannt, die Gegend und ihre Geheimnisse besser zu kennen und (zu ihrem finanziellen Vorteil) zu "nutzen", als alle Archäologen zusammen. Doch Onkel Ahmed legt noch nach. "Ich weiß übrigens auch, wo Königin Hatschepsut (Foto unten rechts: Der wunderschöne Kopf der Königin steht im Vorhof der dritten Terrasse ihres Totentempels in Deir El Bahari) wirklich begraben liegt", grient er verschmitzt. Das wäre eine Sensation, denn die Mumie der Pharaonin wurde bis heute nicht gefunden, ihr Grab im Tal der Könige war bei der Entdeckung leer. Aber auch diesen Ort könne er natürlich nur gegen Bares verraten, sagt Ahmed. Immer wieder scheinen Dollarzeichen in seinen Augen zu blinken. Bei Machfus könnte die Geschichte so weitergehen: Onkel Ahmed überzeugt nach einigen weiteren Gläsern Cola mit dem eigentümlichen Duft (das Parfum ist sicher vor den Augen der Obrigkeit im Kühlschrank für Cola u.ä. unter einer Plastiktüte mit mehreren Litern Milch deponiert) die Ausländer, legt sie mit seinem Clan kräftig rein, gerät dann in die Fänge der Bürokraten, muss hier kräftig schmieren und am Ende die kleinen Geheimnisse, die er wirklich kennt, ganz ohne Gewinn verraten, um zu überleben. Bei uns endet die Geschichte hier. Aber sie ist wahr.
Alles "echt antik" Das "Knabbern" am Geld der Touristen läuft sowieso über Repliken, über oft gutgemachte Kopien, die als "absolut echt, bloß keinem weiter erzählen" verkauft werden. Glücklich ist, wer darauf hereinfällt. Denn wird ein Tourist mit einem wirklich echten Stück erwischt, droht auch ihm der kostenlose Zwangs-Aufenthalt im Staats-Hotel. Trotz allem: Der Handel mit Repliken und mit einer minimalen Chance sogar echten Antiquitäten läuft. Dabei spekulieren die Händler auf die Gutgläubigkeit der Gäste, die darauf bauen, dass nur auf der West Bank noch die Chance auf wirkliche Funde aus pharaonischer Zeit besteht. Eben die Chance auf ein echtes Stück des Reichtums der Gegend. Doch wie gesagt: Glücklich ist, wer eine Kopie erwischt. Hintergrund des fast schon verzweifelten Geschäftemachens ist, dass das heutige Oberägypten wirtschaftlich betrachtet der arme Teil des Staates ist. Zwar besitzt der Süden die Glanzlichter des pharaonischen Erbes. Zwischen Abydos mit dem phantastischen, unter Setoy I. (ca. 1291 - 1278 v.Chr.) erbauten Tempel zu Ehren des Totengottes Osiris im Norden bis zu den gigantischen Felsentempeln in Abu Simbel ganz im Süden, die Setoy-Sohn Ramses II. (ca. 1279- 1212 v.Chr.) für sich und seine Lieblingsfrau Nefertari in die Felsen schlagen ließ. Oberägypten ist eine wahre "Schatzkammer" für Kultur-Touristen, in deren Mittelpunkt Luxor liegt. Doch die Gewinne schöpfen mittlerweile große Firmen ab. In einer Gegend, in der die Bevölkerung fast ausschließlich vom Tourismus lebt. Was dann noch an Profit übrigbleibt, wird überwiegend auf dem Ostufer von Luxor gemacht. Für die "West Bankler" bleiben nur die Krumen. Kein Wunder, dass das Verhältnis zwischen den Bewohnern der West Bank und denen von Luxor-Stadt ungefähr so herzlich ist, wie die Freundschaft zwischen den Fußball-Fans von Borussia Dortmund und Schalke 04. Sicher, das ist alles stark vereinfacht. Aber es läßt vielleicht so manche Äußerung, so manches Verhalten von "West Banklern" in einem anderen Licht erscheinen. (Text und Fotos Wolfgang Sliwka) Hier gehts mit der Geheimniskrämerei weiter. |
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