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Esel-Trip Teil II

Schlanker Casanova bekommt Bauch

Nachdem wir New Qurna mit seinen noch geschlossenen Geschäften und Kaffeehäusern rechts und links der Straße passiert haben, biegen wir links in eine kleine Nebenstraße ein. Nicht nur uns, auch unseren Eseln gefällt das viel besser, gibt es da doch viel Interessanteres zu sehen, zu hören und zu riechen. Die langen Ohren stehen ständig auf Empfang. Ab und zu muss Christel's Tragetier die Hinterlassenschaften irgendwelcher Verwandter beschnüffeln, was unsere Anfängerin jedesmal ein wenig aus dem Gleichgewicht bringt. "Oh nein, da kommt schon wieder ein Haufen!", sieht sie dann schon das Kopfneigen voraus. Bei Karolas "Mercedes" scheint das "Gasgeben" nicht so recht zu wirken. Immer wieder muss Haggag ihren Esel antreiben, damit sie nicht den Anschluss verpasst.

Mein "C-Modell" dagegen hält ständig Ausschau nach weiblichen Artgenossen. Sobald er eine Esel-Dame gewittert hat, pumpt er sich mächtig auf, um sein unwiederstehliches "I-aah" weithin hörbar erklingen zu lassen. Dieses Aufpumpen meines "Casanovas" spüre ich schon lange bevor der erste Ton zu hören ist. Fühlt sich komisch an, wenn der schlanke Herr plötzlich richtig Bauch bekommt.

Wir reiten wieder durch Felder und Dörfer. Ganz allmählich erwacht hier das Leben. Vom Eselrücken können wir durch offene Fenster und Türen in die Häuser spähen. Überall werden wir von den Bewohnern freundlich mit den ägyptischen Willkommens-Worten "ahlan we sahlan" oder "marhabe" begrüßt. Vor allem natürlich von den Kindern, die auch zu so früher Morgenstunde schon nach Bakschisch, nach Bonbons und Kugelschreibern fragen. Geld gibt’s von uns nicht, aber ein paar Süßigkeiten und Luftballons habe ich wie immer dabei, verteile sie, solange der Vorrat reicht.

Nach ungefähr 45 Minuten – je nach Tempo und Gruppengröße kann es auch etwas länger dauern – erreichen wir "Habu City", wie sich das Dorf großspurig nennt, und den Tempel. Haggag hat am Vortag schon die Eintrittskarten für uns besorgt, so ersparen wir uns den Abstecher zum Ticket-Office. Mit lautem "Hosh, hosh" produzieren wir mit unseren Vierbeinern so etwas wie eine Vollbremsung, "parken" sie gegenüber dem Tempel-Eingang. Absitzen. Wieder steht Haggag zum assistieren bereit.

"Na, wie war diese Art der Fortbewegung? Spürt ihr euren Allerwertesten, sind eure Beine ein wenig lahm?" frage ich Christel und Karola. "Irgendwie sind meine Beine wie Gummi", sagt Christel und Karola ergänzt: "Auf einem Bürostuhl ist es zwar bequemer, aber lange nicht so lustig und aufregend." So ging es mir bei meinem ersten Esel-Ritt auch. "Dann wart ihr vielleicht zu verkrampft, solltet die nächste Etappe etwas entspannter angehen. Immerhin wisst ihr ja jetzt, wie es geht, braucht keine Bedenken mehr zu haben", muntere ich sie auf. Tja, ein Ritt vorher macht mich fast schon zum Profi, dachten wohl die beiden anderen. Doch die Reit-Pause tut auch mir gut. Nicht nur unseren Muskeln, wir gönnen auch unseren braven Tieren und Haggag diese Rast. Haggag hält Wache während wir die Anlage besichtigen.

Da wir schon einmal an der Grenze zwischen Fruchtland und Wüste sind – alle Totentempel von Theben West wurden übrigens entlang dieser Linie errichtet – wollen wir noch einen kleinen Abstecher in die Wüste machen. Mit Hilfe unseres Führers sitzen wir wieder fest im Sattel. Auch Christel und Karola (Fotos rechts: Christel blickt in die Wüste, Karola und Haggag scherzen) fühlen sich jetzt schon viel sicherer, sind ganz locker (denn das verhindert schmerzhaften Muskelkater).

Wir folgen einer Schotterpiste, passieren die Ruinen des kleinen Toth-Tempels und die spärlichen Lehmziegel-Reste von "Malkatta", dem Wohnpalast von Amenhotep III. und seiner Königin Teje. Diese Königs-Familie war übrigens eine Ausnahmeerscheinung. Denn normalerweise lebte man auf der Ostseite des Nils, das Westufer war das Totenreich. Das hat sich mittlerweile geändert. Wir reiten an vereinzelten Gehöften vorbei, die wie Mini-Oasen aussehen. Eine dieser Oasen ist das "French House", wo die französischen Archäologen während der Grabungs-Saison wohnen. Dann haben wir das üppig grüne Fruchtland endgültig verlassen, sind wirklich mitten in der lebensfeindlichen Wüste. Haggag reitet jetzt voran, leitet uns auf eine der Sanddünen zu. Aber so ganz gelingt das nicht. Karolas Grautier scheint sich zu sagen: "Jetzt reicht’s, ich will nicht mehr laufen, schon gar nicht einen Hügel erklimmen."

Aber damit kommt es nicht durch. Haggag springt von seinem Esel, ruft ihm den energischen Halte-Befehl "Hosh" zu. Dieses Kommando nimmt aber eher der Unwillige für sich an Anspruch, rührt sich nicht mehr von der Stelle. Natürlich folgt jetzt das aufmunternde Schnalzen. Dies wiederum veranlasst nicht wie gewünscht den störrischen, sondern Haggags auf der Düne wartenden Langohr zum Loslaufen. Eseliges Missverständnis. Höchste Zeit, energisch zu handeln. Haggag greift die Zügel, zieht den Widerspenstigen die Düne hinauf. Danach muss er per Pedes die Düne hinunter und seinen Esel wieder einfangen. Ein Riesen-Gaudi für uns alle.

Jetzt sind wir wieder komplett, alle Zwei- und Vierbeiner wieder beeinander. Wir genießen die Stimmung, den Blick in die Wüste, auf die Lehmziegel-Kuppeln des alten koptischen Konvents, der von einer Mauer umgeben in einiger Entfernung wie eine spärlich begrünte Festung in der Einöde anmutet, beobachten eine Reiter-Gruppe auf Araber-Pferden, die wie wir die Aussicht genießen (Fotos unten links).

Unsere Vierbeiner kennen diesen Platz, wissen, dass sie es sich hier ein Weilchen ganz gemütlich machen, sich von den Strapazen erholen können. Wie es sich für einen Tier-Freund gehört, habe ich kulinarische Überraschungen für die vier Langohren in der Tasche. Rohe Kartoffel- und Karotten-Stückchen zur Belohnung. Ausgehungert scheinen sie aber nicht zu sein, oder sie haben sehr viel Geschmack. Der eine rümpft bei den Kartoffeln die Nase, die der andere mit Begeisterung verschlingt. Mit den Karotten ist es ähnlich. Nach diesem zweiten Frühstück legen sich die Esel erstmal aufs Ohr (Foto ganz unten).

Nach einer Weile des Genießens von Stille und Wüste blasen wir zum Rückmarsch. Sehr zur Freude unserer Kameraden. Sie wissen genau, dass es jetzt nach Hause geht zu Stall und Futter. Denn sie erhöhen deutlich ihre Laufgeschwindigkeit, die auf dem Hinweg doch manchmal zu wünschen übrig ließ. Sie sind kaum zu bremsen. Und es muss nicht mehr gelenkt werden, sie kennen den Weg.

Wie war das nochmit dem Spruch über die "dummen Esel"? Auf den Feldern, in den Dörfern, auf den Straßen herrscht mittlerweile rege Betriebsamkeit. Es wird überall gearbeitet, die Kinder sind auf dem Weg in die Schule, die Geschäfte geöffnet, die Kaffeehäuser gut besucht.

Wohlbehalten, glücklich und ein ganz klein wenig erschöpft kommen wir wieder in El Gezira an. Immerhin waren wir an die vier Stunden auf ungewöhnlich-ungewohnte Art und Weise unterwegs. Und es wird langsam heiß, wir freuen uns auf unser zweites Frühstück im Schatten unserer Dattelpalme auf dem Dach. Auch wenn wir nach dem Absteigen ein bisschen lahm sind: Ich für meinen Teil könnte gleich morgen den nächsten Esel-Trip starten. Und auch Christel und Karola sind eigentlich nicht abgeneigt, es hat ihnen unheimlich Spaß gemacht. Vielleicht sind Sie ja das nächste Mal auch dabei?

Information:

Eine ganze Reihe von Eselführern bieten auf der West Bank ihre Dienste an.Sie können in El Gezira im Prinzip fragen wen Sie wollen, jeder hat irgendwen in der Familie, der Esel vermietet. Wer sicher gehen will, fragt Ali im Restaurant "Africa" oder nimmt eMail-Kontakt mit uns auf, wir vermitteln gern zuverlässige Führer mit guten, sicheren Tieren. Für einen vier- bis sechsstündigen Trip müssen Sie pro Esel/Person zwischen 15 und 50 LE, plus den Führer und sein Tier rechnen. Wenn Sie mit dem Ausflug zufrieden waren, freut sich der Führer natürlich über ein kleines Zusatz-Bakschisch. Sie können allein oder in großen Gruppen auf Tour gehen, zu allen Sehenswürdigkeiten reiten. Es ist kein Problem jede gewünschte Zahl an erfahrenen Reittieren bereitzustellen. Und Morgenmuffel können natürlich auch einfach einen Ritt zum Sonnenuntergang in die Wüste unternehmen.

Für einen Esel-Trip sollten Sie sich zünftig kleiden: Lange, bequeme Hosen, Schuhe, die Sie unterwegs nicht verlieren, Hemd, Bluse oder T-Shirt mit Ärmeln, Kopfbedeckung. Alles, was Sie mitnehmen wollen, ist am besten in einem Rucksack oder einer Umhängetasche untergebracht. Übrigens auch der Fotoapparat, denn unterwegs haben Sie mit der "Steuerung" Ihres Esels alle Hände voll zu tun! (Text und Fotos Antje Sliwka)

Zurück zum ersten Teil.

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