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Merenptah
- der König des Recycling
In
einem Restaurant auf der West Bank treffen wir wei Deutsche mit ihrem
Reiseführer, die gerade einige Totentempel besichtigt haben. "Habt
Ihr auch den Merenptah-Tempel gesehen?" fragen wir. Die Antwort
des Reiseleiters: "Da gibt es doch nichts zu sehen." Ein paar
Tage später lernen wir einen englischsprachigen Guide kennen, fragen
ihn nach seiner Meinung über die neueröffnete Tempelanlage.
Auch seine Reaktion ist negativ: "Wir Guides wissen überhaupt
nichts über diesen Tempel, wir bekommen nirgends Informationen
oder schriftliches Material, um unseren Gästen etwas zu erklären.
Deshalb besuchen wir ihn momentan noch nicht."
Nichts
zu sehen? Der eine Reiseleiter hat recht. Es gibt keine mächtigen
Pylone, keine gen Himmel ragenden Säulen, eben das, was seiner
Meinung nach Touristen beeindruckt. Aber es gibt vieles zu sehen. viele
Kleinigkeiten, außerordentlich schöne, bisher verborgene
Reliefs von hoher künstlerischer Qualität. Nichts zu sehen?
Scheuchen Sie Ihren Guide dahin, lassen Sie ihn notfalls nach einem
Inspektor oder einer Broschüre fragen (es gab einmal eine, deren
Nachdruck von den Ägyptern aber angeblich wegen
Papiermangel verzögert wird). Vielleicht können sie als Tourist
ein paar Guides ja motivieren, sich für die Geschichte des "Hauses
der Millionen Jahre" des Merenptah zu interessieren, den Tempel
in ihr Repertoire aufzunehmen. Denn der Besuch lohnt sich wirklich,
macht den Aufbau der Totentempel von Theben West optisch ganz deutlich.
Obwohl oder gerade weil der Komplex so unvollständig ist, nur noch
Fragmente übriggeblieben sind. Aber diese zum Teil prächtig
dekorierten Fragmente wurden exakt dort plaziert, wo sie einst gestanden
haben oder im Museum, in den Schauräumen unter dem zweiten Pylon
und im sogenannten Lapidarium ausgestellt. Der
Totentempel des Merenptah in Theben West. Am 4. April 2002 wurde der
Komplex des "Schweizerischen Instituts für Ägyptische
Bauforschung und Altertumskunde" für die Öffentlichkeit
freigegeben, einschließlich eines postmodernen Grabungs-Museums.
(Schon am 21. März besuchte ganz plötzlich Staatspräsident
Hosni Mubarak die Anlage, die damit als eröffnet galt. Aber leider
waren zu diesem Zeitpunkt die Eintrittskarten noch nicht gedruckt, außerdem
waren die Einladungen für die lange geplante offizielle Feier am
4. April bereits verschickt. Aber wie sagt der Ägypter? Malesh
- macht nichts!)
Ein bisschen Hintergrund.
1896 hatte der englische ArchäologeWilliam Matthew Flinders Petrie
das "Haus der Millionen Jahre" entdeckt, dort gegraben, einen
Grundriss gezeichnet. Danach war die Tempelanlage mehr oder weniger
in Vergessenheit geraten. Dabei ist sie nach Ansicht von Dr. Ing. Horst
Jaritz, Leiter des Schweizer Instituts in Kairo, von großer architektonischer
Bedeutung. Er und sein Team haben in 17 Grabungskampagnen das Ruinenfeld
neu untersucht, gegraben, restauriert, rekonstruiert. Die Pläne
Petries wurden überarbeitet und ergänzt, die Funde an Ort
und Stelle auf gemauerten Podesten aufgestellt, Standorte von Säulen,
Pylonen, des an den Tempel angrenzenden Palastes und der
weiteren Gebäude durch neue Schlammziegel-Mauern und Stein-Einlagen
im Boden sichtbar gemacht.
Als
Nachfolger des bauwütigen Ramses II. (ca. 1279 - 1212 v. Chr.)
hatte König Merenptah (ca, 1212 - 1202 v. Chr.), 13. Sohn des "Großen
Ramses", es schwer. Denn sein Vater hatte nicht nur die Staatskasse
geleert, sondern auch das Baumaterial in der Umgebung verbraucht. Deshalb
begann der betagte König den Bau seines Totentempels recht bescheiden.
Zunächst wurde nur der Teil für seinen persönlichen Kult
errichtet. Merenptah öffnete den Steinbruch von Silsila (in der
Nähe von Kom Ombo) wieder, ließ dort Sandstein abbauen. Erst
während einer späteren zweiten Bauphase ließ er Gebäude
anfügen, wie für den Re-Kult, den überaus seltenen Tempelbrunnen
und das sogenannte "Schlachthaus".
Die Baumeister waren allerdings auch Räuber, verwendeten Material aus älteren Tempeln. Vornehmlich nutzten sie den nahegelegenen Tempel Amenhoteps III. (ca 1386 - 1349 v. Chr.) als Steinbruch. "Stahlen" Statuen, Stelen, Tore, Steinblöcke. Meißelten neue Inschriften, setzten den Namenszug Merenptah ein. Pharaonisches Recycling, das zwar nicht unbekannt war. Doch Merenptah entwickelte sich in dieser Hinsicht zu einem Meister. Selbst die berühmte "Israel-Stele", die Petrie entdeckt hatte, stahl er aus dem Tempel Amenhoteps. Diese Stele aus schwarzem Basalt enthält die einzige Erwähnung des Namens Israel in der alt-ägyptischen Geschichte. Das Original steht heute im Museum von Kairo, Jaritz ließ eine Replik anfertigen, die am Fundort des Originals im Merenptah-Tempel steht.
Doch den "König des Recycling" holte sein Wirken ein. Auch sein Tempel diente in antiker Zeit wiederum als Steinbruch, Kalkstein wurde später zu Kalk verbrannt, Lehmziegel als Baumaterial für Häuser verwendet. So blieb von dem Tempel fast nichts übrig außer ein paar Brocken, die aus der Erde lugten. Bis Petrie die Wiederentdeckung machte und Jaritz die Ausgrabungs- und Restaurierungsarbeit übernahm.
"Der Tempel des Merenptah ist das fehlende Glied in der Kette der architektonischen Entwicklung der thebanischen Totentempel auf dem Westufer von Luxor", erklärt der Bauforscher Dr. Horst Jaritz, "ohne die Untersuchung dieses Totentempels kann man die Entwicklung der folgenden nicht verstehen". Der Grundriss des letzten großen Totentempels der 19. Dynastie erklärt den architektonischen Wandel zur 20. Dynastie. Ist das Bindeglied zwischen den Totentempeln von Ramses II., dem Ramesseum, und von Ramses III. (ca 1182 - 1151 v. Chr.), Medinet Habu.

Nach den Grabungs-Kampagnen des Schweizerischen Instituts gibt es jetzt ein genaues Bild der Tempel-Anlage und seine architektonischen Vorbilder. Von der unmittelbaren Vorgänger-Anlage seines Vaters Ramses' II. übernahm Merenptah die Abfolge von zwei Höfen nach dem Eingangs-Pylon, die zum Allerheiligsten führenden beiden Säulenhallen und die südliche und nördliche Säulenkolonnade im ersten Hof. Spiegelgleich stehen sich hier schlichte Säulenreihen mit geöffneten Papyrus-Kapitellen gegenüber. Während die südliche Kolonnade die Palastfront bildet, standen vor den nördlichen Pfeilern Statuen des Merenptah.
Die
Bauweise des königlichen "Jenseits-Palastes" auf der
Südseite des ersten Hofes gleicht der in den Totentempeln von Sethoy
I. (ca 1291 - 1278 v. Chr.) und Ramses II. Die Räume beschränken
sich bei Merenptah in Zahl und Ausstattung jedoch auf das Allernot-wendigste.
Eine architektonische Neuerung ist der zweite Pylon zwischen dem ersten
und zweiten Hof. Wie bei Ramses III. ist ererheb-lich kleiner als der
mächtige Eingangs-Pylon.
Das ehemalige Fundament dieses zweiten Pylons birgt eine weitere Kostbarkeit des Tempels. In zwei unterirdischen Schauräumen sind riesige Blöcke, die im Tempel des Amenhotep teilweise als Türfüllung oder Stürze dienten, zu bestaunen. Sie sollten für sicheren Halt des Pylons auf dem weichen Grund sorgen. Da die Baumeister die Blöcke mit den Reliefs nach unten eingeraben hatten, sind diese für die Zeit einzigartigen Darstellungen außerordentrich gut erhalten. Da schmunzelt Haritz schon mal: "Sehen sie auf diesem Relief einen kleinen Vogel?" Ratlos stehen die Gäste davor. Bis der Experte ihn tatsächlich zeigt. Das ist Teil des Tempel-Erlebnisses: Es kommt eben auf die Kleinigkeiten an
Der zweite Hof ist wie bei Ramses II. als Osiris-Pfeilerhof gestaltet, zwar in traditioneller Form, jedoch ohne die östliche, dafür aber mit einer später nicht wiederholten südlichen und nördlichen Pfeilerreihe. Zwischen den westlichen Osiris-Pfeilern läßt Merenptah Kolossalstatuen (usurpiert von Amenhotep III.) aufstellen - wie schon Ramses II. und später Ramses III. Das Konzept für die umliegenden Schmalräume an der Nord- und Südseite sowie die Dreiteilung des rückwärtigen Tempelbereichs scheint Merenptah vom Totentempel Sethoy's I., des Vaters Ramses' II., übernommen zu haben.
Aber nicht nur der baugeschichtliche Aspekt ist für Dr. Horst Jaritz interessant. "Wir haben große Wandfragmente mit prächtigen Dekorationen wieder aufgebaut. Wir fanden heraus, daß der Palast eine Steinfassade, der erste Hof Kolonnaden hatte." Und eine ganze Reihe Fragmente von Kolossal-Statuen und Sphingen, Stelen, Ostraka, Schmuck wurden gefunden. Die großen Funde sind auf dem Tempel-Areal, in den beiden besonders sehenswerten Schauräumen unter dem zweiten Pylon mit zum Teil einzigartigen Wandreliefs aus dem Totentempel von Amenhotep III., im sogenannten Lapidarium, die kleineren im Grabungs-Museum zu besichtigen.
Für
das Grabungs-Team des Schweizer Instituts waren nicht nur die Aufzeichnungen
von Flinders Petrie, sondern auch Hinterlassenschaften seiner Grabung
sehr wichtig und hilfreich. So hatte er zum Teil Schuttstege stehengelassen,
die sehr wertvoll für die stratigraphischen Untersuchungen waren.
Dr. Jaritz: "Nur kleine Reste sind im Original vorhanden. Aber
manchmal ist es eben nur ein einziger Stein oder eine andere Kleinigkeit,
die uns Aufschluss gibt. So fanden wir beispielsweise am Originalplatz
ein Stück Mauerputz mit Weißung, das den Neigungswinkel der
Wand angibt."
Doch mit der Grabung und der Puzzle-Arbeit des Zusammenfügens gab sich der Architekt und Archäologe aus Leidenschaft Jaritz nicht zufrieden. Wie an nur wenigen anderen Grabungsstellen im Lande entwarf er in Qurna ein sogenanntes "Site-Museum". Dort sind die Funde untergebracht, die sonst in irgendwelchen Magazinen verschwunden wären. Finanziert wurde der rund 500.000 LE teure Bau von der Ludwig-Borchardt-Stiftung und dem Institut. Die Bauausführung übernahm der renommierte ägyptische Bauunternehmer Dipl.-Ing. Mamdouh Habashi, der zusammen mit Jaritz unter anderem auch das Grabungs-Museum auf Elephantine/Assuan gebaut hat. Die gesamte Technik - beispielsweise die Vitrinen mit ausgeklügeltem Lichtsystem, Klima-Anlage in den Wänden und im Boden - kommt aus Deutschland. Damit sich das archäologische Museum auch farblich harmonisch in die Umgebung einfügt, wurde für die Verkleidung lokaler Travertin, für die Böden Kalkstein und ägyptischer Marmor verwendet.
Die Ausstellung verteilt sich auf das 8x22 Meter große Gebäude mit vier Licht- und Belüftungs-Kuppeln. Zu den Exponaten gehören Perlen, Keramik, Ostraka, Stelen, eine Kultschale und Teile von Statuen sowie eine Großzahl ausgewählter Fragmente der Tempeldekoration. Zeichnungen und Informations-Tafeln über die Baugeschichte des Tempels und seine Untersuchung ergänzen die Ausstellung, vertiefen die Eindrücke. In einer Ruhezone mit der von Bougainvillée überwachsenen Pergola können die Gäste anschließend alles "verdauen", mit etwas Phantasie den Tempel vor dem geistigen Auge wiedererstehen lassen. Die beiden Architekten Jaritz und Habashi sind stolz auf "ihr" Museum, hoffen, dass dieses für Ägypten noch relativ neue Konzept der Präsentation von Funden in kleinen Museen an Ort und Stelle Schule macht. Übrigens ist die Arbeit am Merenptah-Tempel das letzte Projekt des in Esperstedt/Thüringen geborenen Dr. Horst Jaritz, der Ende diesen Jahres in den wohlverdienten Ruhestand geht.
Denken Sie nach dieser Lektüre immern noch wie die Guides, dass es im Merenptah-Tempel nichts zu sehen, zu erkunden gibt? Wir sind da ganz anderer Meinung, glauben, dass die Anlage mit dem Museum ein ganz neues Highlight auf der West Bank werden wird. Was der Tempel benötigt, ist eigentlich nur ein wenig "Propaganda", was die Reiseführer benötigen ist ein klein wenig Aufklärung und Information von den offiziellen Stellen. Denn das kann das Schweizer Institut nicht mehr übernehmen.
Information
Endlich ein komplett neues Besichtigungsziel, besonders für Individual-Touristen, die die klassischen Stätten schon kennen. Der Merenptah-Tempel liegt gegenüber dem Dorf Alt Qurna neben Sheikh Alis "Marsam"-Hotel (an der Kreuzung hinter den Memnon-Kolossen rechts abbiegen). Eintrittskarten für 10 LE inkl. Museum müssen Sie vorher am Ticket-Office (an der Kreuzung links) kaufen, von dort sind Sie in wenigen Minuten Fußweg am Tempel-Eingang. (Text Antje und Wolfgang Sliwka, Fotos Antje Sliwka)