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Berühmt und berüchtigt,
begehrt und verehrt

Eigentlich ist es ganz unauffällig. Weder Hinweisschilder noch bunte Leuchtschriften weisen den Weg. Dabei kommt eigentlich jeder Tourist, der die Totentempel oder Gräber auf der West Bank besucht, irgendwann einmal daran vorbei. Doch wer es nicht kennt, nicht weiß was sich hinter den unscheinbaren ockerfarbenen Mauern verbirgt, wird sich kaum dorthin "verirren".

Die Rede ist vom "Marsam Hotel", eher als "Sheikh Ali's Hotel" bekannt. Sheikh Ali (Foto rechts) nämlich war es, der das Hotel in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts gründete. Sheikh Ali war es, der daraus einen Treffpunkt von Künstlern und Ägyptologen aus aller Welt machte. Aber auch für alle, die dazugehören wollten. Sheikh Ali, ein Spross des berühmt-berüchtigten Abd El Rasoul-Clans, machte sich damit, aber auch wegen seines ungewöhnlichen Charakters einen Namen. Viele Gäste des Garten-Restaurants kamen, nur um diesen Mann zu treffen. Den Mann, um den sich unzählige, teilweise unglaubliche Geschichten ranken. Den Mann, der fälschlicherweise immer wieder im Zusammenhang mit Howard Carter und dem Grab von Tut-ench-Amun genannt, dessen Familie immer wieder mit spektakulären Grab-Räubereien, heimlichen Funden und Schmuggler-Geschäften in Verbindung gebracht wird. Den Mann, der einerseits die sprichwörtliche orientalische Gastfreundschaft verkörperte, andererseits aber wegen seiner unberechenbaren Reaktionen gefürchtet war.

Ein Haus mit Vergangenheit

Doch nicht nur Sheikh Ali, der Platz selbst hatte einen legendären Ruf. Immerhin hatte dort von 1920 an das berühmte "Chicago House" seinen Standort, in dem amerikanische Wissenschaftler ihren Forschungen und Studien nachgingen. Nachdem Ende der 30er Jahre das "Metropolitan House" unterhalb des Hatschepsut-Tempels eingeweiht wurde, das "Chicago House" in die Stadt Luxor umgezogen war, übernahme Sheikh Ali das Gelände mitsamt einem verbliebenen Gebäude, das übrigens noch immer steht - der Eingangs-Bereich des heutigen "Marsam"-Komplexes.

Sheikh Ali arbeitete wie nahezu all seine Familienangehörigen seit langem bei Ausgrabungen in der Thebanischen Nekropole. Überwiegend sollen die Arbeiten sehr seriös gewesen sein, von kleinen Räubereien einmal abgesehen, die damals noch nicht per Gesetz geahndet wurden. Aber immer wieder tauchte der Name Rasoul auch bei Erzählungen auf, in denen es um Grab-Räuberei größeren Umfangs ging. Wahr oder unwahr bleibt offen.

Die sensationellste und verbürgte Geschichte ist die des sagenhaften Mumien-Depots in Deir El Bahari. Sheikh Alis Vorfahren hatten 1871 den in den schroffen Bergen (Foto links: Die Berge von Deir El Bahari) versteckten Schacht gefunden, daraus über lange Zeit ein lukratives Geschäft gemacht. Bis Gaston Maspero, von 1874 an Kopf des Antiken-Dienstes, von erstaunlichen Verkäufen im Ausland hörte, von Stücken, die immer königliche Kartuschen von Pharaonen zierten. Er ließ Nachforschungen anstellen, bekam diverse Hinweise, die nach Qurna führten. Er kam dem Rasoul-Clan auf die Schliche, setzte ein Familienmitglied ins Gefängnis. Da der Mann schwieg und es keine Beweise gab, musste der Inhaftierte freigelassen. Wieder zuhause beanspruchte er von der Familie als Lohn für sein Schweigen einen höheren Anteil des Gewinns von künftigen Verkäufen. Was zu einem heftigen Streit führte. Die anderen Rasouls verweigerten seine Forderung, daraufhin plauderte der bei Maspero, führte ihn 1881 zu dem Schacht, in dem Priester um 1000 v. Chr. aus Angst vor Grabräubern Mumien versteckt hatten. 40 Mumien, überwiegend von Königen des Neuen Reiches, wurden gefunden. Darunter Setoy I., Ramses II., III. und IX, Thutmosis I., II. und III. Heute sind einige davon im Mumiensaal des Ägyptischen Museums in Kairo ausgestellt.

Eine weitere Berühmtheit war Sheikh Alis Großvater, der zusammen mit dem berüchtigten Abenteurer Giovanni Battista Belzoni das Grab von Setoy I. entdeckt und ausgegraben haben soll. Ein Grab, in dem auch Sheikh Ali arbeitete, einen bisher verborgenen Korridor freilegte, der zu einer bis heute ungeöffneten Tür führt, hinter der er eine geheime Schatzkammer des Königs vermutete. Allerdings gab ihm die Antikenverwaltung keine Erlaubnis, diese Tür zu öffnen. Was sich tatsächlich dahinter verbirgt, ist noch immer ein Geheimnis.

 

 

Haus der Kunst und Begegnung

Der begeisterte Ausgräber und Kunstliebhaber Sheikh Ali wollte nun in seiner Qurna-Residenz einen Platz schaffen, an dem in- und ausländische Wissenschaftler, Forscher, Studenten, Künstler, Arbeiter aber auch Touristen und Einheimische zusammenkommen. Einen Platz, an dem sie ungestört in angenehmer Umgebung diskutieren und ihre Erfahrungen austauschen konnten. Unterstützung für seine Idee bekam er 1941 vom Maler Mohamed Nagui, der in Luxor ein ständiges Kunst-Zentrum mit Atelier (marsam) etablieren wollte. Den passenden Ort fand er bei Sheikh Ali. In einem neuen zweiten Gebäude mit großen Fenstern für gutes Licht wurde das "Luxor's Marsam" (Fotos oben: Das Atelier heute von innen) untergebracht, das andere diente als Hotel. Die Studenten der Kunstakademie sollten dort eine Weile leben und arbeiten, umgeben von den antiken Monumenten ihr historisches Erbe reflektieren.

Das "Luxor's Marsam" wurde eine Art oberägyptisches Montmartre, wurde besucht von prominenten ägyptischen Künstlern wie Hamid Said, Salah Taher oder Abbas Shohdi. Aber auch die Ägyptologen, die in der Nähe arbeiteten, entdeckten das "Marsam" und der Architekt Hassan Fathy gehörte zu den Stammgästen. Im "Marsam" herrschte - und herrscht auch heute noch - eine ganz besondere Stimmung, ein ganz besonderer Geist ist dort zu spüren. Kein Wunder also, dass Sheikh Alis Experiment, ein so abgelegenes Hotel zu betreiben, gelang. Auch wenn die Kunst-Akademie verschwand - der Name blieb.

Der Start waren zehn einfache Zimmer im alten "Chicago"-Gebäude. Doch im Laufe der Jahrzehnte war das Haus so berühmt, berüchtigt und begehrt, dass die Kapazität nicht mehr ausreichte. Mehr und mehr seiner Gäste, die eigentlich nur zum Essen, Trinken und Diskutieren nach Qurna kommen wollten, übernachteten immer häufiger unter den Sternen auf den Bänken im Garten, bis heute das Herz des Hauses. 1970 wurde deshalb ein komplett neues Gästehaus gebaut (Foto rechts). Passend zur Region mit dicken Mauern aus Schlammziegeln, kleinen Fenstern, gewölbten Decken. In traditionellen Bauweise, die der ägyptische Architekt Hassan Fathy wiederentdeckt und angewandt hatte. Der Stil und das Baumaterial halten die Räume im Sommer kühl, im Winter warm.

Und der Dachgarten bietet bis heute einen sensationellen Ausblick. Nach Westen über den Merenptah-Tempel zu der Berg-Kette mit den pharaonischen Gräbern (Foto rechts), nach Osten über die Felder zu den Memnon-Kolossen und den zur Zeit laufenden Ausgrabungs-Arbeiten am Totentempels von Amenhotep III.

Das neue Gebäude wurde für den italienischen Ägyptologen Sergio Donadoni und sein Team gebaut, unter Leitung von Alis Bruder Ahmed, der Hassan Fathy's Vorarbeiter beim Bau von Neu Qurna gewesen war. Die acht kleinen Doppelzimmer und der Dachgarten sind noch nahezu unverändert - natürlich bis auf notwendige Schönheitsreparaturen und Erneuerungen des Mobiliars. Was bleibt sind die Naturfarben, die einfachen, traditionellen Möbel aus den Rippen der Palmwedel. Sicher nicht zuletzt deshalb bevorzugt der noch immer aktive, fast 90jährige Donadoni bei Aufenthalten in Luxor das "Marsam" und nicht eines der modernen Fünf-Sterne-Hotels in der Stadt.

Nach dem Abschwung der Aufschwung

Mit dem Tod von Sheikh Ali 1987 waren auch die turbulenten Zeiten erst einmal vorbei. Denn das Hotel lebte durch die starke Persönlichkeit dieses rührigen Mannes. Sein Erbe, der erst 16jährige Sohn Sayed, konnte da natürlich nicht mithalten. Nach kurzer Zeit der geschäftlichen Flaute ging es ab 1989 aber wieder bergauf. Dr. Horst Jaritz , Direktor des "Schweizerischen Instituts für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde" und sein Team begannen mit den Arbeiten am benachbarten Merenptah-Tempel, wählten das "Marsam Hotel" zu ihrem praktischen und angenehmen Hauptquartier. Auch nach Abschluss der Arbeiten wohnt Dr. Jaritz bei Luxor-Besuchen übrigens in "seinem" Hotel, das in den zwölf Jahren bis zur Eröffnung des Tempels im April 2002 beinahe seine zweite Heimat wurde.

Und das zog nach und nach wieder andere Archäologen und Ägyptologen an. So sind beispielsweise jeden Herbst die italienische, jedes Frühjahr die spanische Mission für zwei Monate Stammgäste. Was schließlich auch wieder am alten Ägypten interessierte Touristen anlockte. Seit 1993 managt die gebürtige Tschechin mit australischer Nationalität, Natasha Baron, das Haus, leitet und trainiert mit weiblich-fester Hand die sieben ägyptischen Angestellten, steht dem stolzen Besitzer Sayed Ali mit Rat und Tat zur Seite (Foto links: Sayed und Natasha). Und sie ist dabei, ganz behutsam zu renovieren, zu modernisieren. Aber ohne den Stil, den Charme des Hauses zu zerstören. Mittlerweile ist das "Marsam Hotel" wieder begehrt wie einst, vor allem in den Wintermonaten. Deshalb ist eine Vorab-Anfrage und -Reservierung unbedingt erforderlich. Mit etwas Glück bekommen Sie ein Zimmer, können sich von der Stimmung einfangen lassen, die Spannung der Ägyptologen beobachten.

Und der legendäre Ruf des berühmt-berüchtigten, begehrt-verehrten Sheikh Ali wird so schnell nicht verblassen. Denn jeder, der etwas länger auf der West Bank, vielleicht sogar im "Marsam" lebt, wird immer wieder einige der manchmal unglaublichen Geschichten über diesen Mann oder über die Rasoul-Familie hören. Und wer immer die erzählt, es schwingt zwischen den Zeilen eigentlich immer auch ein wenig Neid, wenn nicht gar Respekt mit.