Druckversion bei www.luxor-westbank.com
Immer
wieder dienstags geht der Esel zum Frisör
Orientalischer Markt - das klingt wie buntes Treiben, wie lautes Feilschen
um die Preise, wie die Düfte der Gewürze des Orients, wie
exotische Gemüse. Es klingt eben nach einem Erlebnis. Ein Erlebnis
ist auch der Wochenmarkt in El Qurna. Ein Markt, der orientalisch, aber
gleichzeitig auch etwas anders ist.

Es ist ein Dienstag
im August gegen fünf Uhr morgens. Der Himmel verliert langsam seine
tiefe Schwärze, die Farbe wandelt sich allmählich in ein dunkles
schiefergrau. Das Licht der Sterne wird fahl. Die Luft ist angenehm
frisch, läßt noch nichts von der zu erwartenden Sonnenglut
des neuen gerade anbrechenden Tages erahnen. Auf den Straßen herrscht
kaum Verkehr, fast alles schläft. Ausgenommen in El Qurna. Hier
ist rush hour angesagt. Mit Waren vollbeladene Pick-ups und Eselkarren
liefern sich fast ein Wettrenen, Bäuerinnen mit ihren prall gefüllten
Körben auf dem Kopf huschen am Wegesrand vorbei. Ziel ist der Markt.
Denn jetzt werden die Stände aufgebaut, die Plätze verteilt.
Nur wenig später - die Sonne ist gerade aufgegangen - ist alles
anders. Eine kleine Marktstadt ist entstanden. Die Pick-ups stehen am
Rande des Gebiets, die Esel dösen irgendwo im Schatten, die Bäuerinnen
hocken auf dem Boden, bieten ihr Gemüse feil. Und schon strömen
die Käufer herbei. Frühes Erscheinen sichert frische Waren.
Jetzt, wenn sich die schmalen Gänge zwischen den Ständen neben
dem islamischen Friedhof füllen, jetzt beginnt das bunte Marktleben.
Touristen? Sie sind kaum zu sehen. Nur selten "verirrt" sich
ein Reiseführer mit seinen Gästen auf den Markt. Doch wer
allein oder mit einem ägyptischen Freund kommt, kann unvergessliche
Bilder auf den Film bannen oder in seinem Kopf speichern.
Da ist zum Beispiel Mohamed Ali. Ihn findet man erst, wenn man sich durch das Gewimmel des Marktes gekämpft hat. Ganz am Ende - und dann noch ein Stückchen weiter - sieht man zuerst einen angehobbelten Esel. Und dann ihn, den 50jährigen, der eine etwa einen halben Meter lange Schere mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks schwingt. Klick, klick, klick, klick - und weg ist das Fell. Jeder Schnitt sitzt genau richtig. Mohamed Ali ist einer der letzten Esel-Frisöre auf der West Bank.
Als wir ihn treffen
läßt er die Schere ermattet sinken. Denn einen Esel zu scheren,
das dauert bis zu zwei Stunden. Wer gemein ist, der könnte jetzt
sagen: Da haben ägyptische Esel und europäische Damen beim
Besuch ihres In-Coiffeurs doch etwas gemeinsam. Aber an solche Lästereien
verschwendet Mohamed keinen Gedanken. Ihn belastet eher der Gedanke
an eine sich verändernde Welt. "Früher haben viele Leute
von dieser Arbeit gelebt. Jetzt ist es praktisch nur noch unsere Familie.
Das Gewerbe stirbt langsam aus. Ich habe es noch von meinem Vater gelernt,
der von meinem Großvater. Aber wie es weitergeht, das weiß
ich nicht." Ein Stück Tradition droht verloren zu gehen.
Mohamed greift wieder zur Schere. Er muß auf Wunsch des Kunden
- nicht des Esels, sondern seines Besitzers - ein Muster in das Fell
des Tieres schneiden. Haben diese Muster eine Bedeutung? "Nein,
manche möchten Pyramiden ins Fell gechnitten haben, manche einfach
nur dekorative Muster. Ich richte mich nach den Wünschen des Kunden",
sagt Mohamed. Und schwingt die Schere. Der Lohn für seine Arbeit?
"Einmal Esel-Scheren kostet je nach Muster und Haarlänge zwischen
drei und fünf Pfund." Da ist eben doch ein Unterschied zwischen
ägyptischen Eseln und Damen beim In-Coiffeur!
Jeden Dienstag schert Mohamed Esel auf dem Markt von El Qurna. Aber
während der Woche macht er Hausbesuche, schert Kamele, Pferde und
auch Schafe. Er ist ein gefragter Mann. "Nur mit dieser Arbeit
ernähre ich meine Familie", sagt er. Mohamed, er mutet an
wie ein Nachfolger des letzten Mohikaners Chingachgook, mit dem auch
- zumindest literarisch dank Herrn James Fenimore Cooper - ein Stück
Kultur verloren ging.
Ein Stück weiter
zurück. Es wird plötzlich laut gefeilscht, Pick-ups stehen
am Rande des Marktgeländes, teilweise vollbeladen mit Schafen und
Ziegen. Natürlich werden auch wir freundlich zum Kauf eingeladen.
Stolz präsentieren uns Jungs ihre Tiere. Aber in unserer Wohnung
ist für eine Ziege oder ein Schaf kein Platz. Also müssen
wir sie enttäuschen. Doch wie sind denn derzeit so die Preise?
"Ein kleines Schaf, ein Lamm, kostet so um 200 Pfund, ein guter
Hammel etwa 500. Eine Ziege - naja - so 150 Pfund." Der Rest ist
eben Verhandlungssache. Das Gefeilsche geht weiter - und wir auch.
Zurück zum eigentlichen Markt. Hier herrscht mittlerweile richtiges
Gedränge. Frauen kaufen die notwendigen Lebensmittel für die
Familie für die nächsten Tage. Da findet sich ein Stand mit
lebenden Hühnern und Enten, die schon mal in einer Einkaufstasche
fortgetragen werden. Daneben bietet ein Händler Schuhe und die
berühmten Plastik-Latschen feil. "Shipships" werden sie
hier genannt und fast jeder trägt sie. Ein Stück weiter sind
Kochtöpfe in allen Größen aufgestapelt, vom Nachbarstand
weht der Geruch von frischem Fisch herüber. Ein paar Schritte weiter
sind die letzten Entwürfe der ländlichen Damen-Mode zu bewundern.
Und am nächsten Stand kann der Besucher endlich das Geheimnis lüften,
was der Mann unter seiner Galabya trägt. Daneben gibt es alles
nötige Werkzeug für Ackerbau und Viehzucht.
Und natürlich bieten die Bauern ihr Gemüse an. Auberginen, Kartoffeln, Paprika, Zucchini, Gurken, Tomaten haben gerade Saison. Dazu selbstverständlich Zwiebeln und Knoblauch. Äpfel, Melonen und Kürbisse türmen sich auf den Ständen der Obsthändler. Und auch die Gewürzhändler fehlen nicht. Aus großen Körben steigt nun endlich der Geruch des orientalischen Marktes in unsere Nasen.
Durch das Gewühl
der Käufer drängelt sich ein fliegender Händler, der
von seiner Schubkarre Waschmittel und Seife verkauft. Frauen balancieren
den Einkauf geschickt auf dem Kopf vorbei an Bäuerinnen, die ihre
Limonen anbieten, einem Bäcker, der sein frisches Brot anpreist.
Es ist kurz vor zehn Uhr geworden. Allmählich leert sich der Markt,
die ersten Händler packen ihre nicht verkauften Waren wieder ein.
Es wird zu heiß für frisches Gemüse und Obst. Und bis
zur nachmittäglichen Siesta will schließlich jeder zuhause
sein. Ein Markttag nähert sich seinem Ende.
Der El Qurna souk, ein bunter, lebhafter, die Sinne reizender Markt.
Ein ländlicher Markt, der sich von den touristischen souks stark
unterscheidet. Einmal durch das Fehlen allen touristischen Firlefanzes.
Hier gibt es keine Postkarten, kein Junge bietet nachgemachte Statuen
an. Dann wird außer beim Kauf von Schafen und Ziegen nicht gehandelt.
Die Preise stehen fest, Käufer und Händler kennen sie. Und
es fehlt die Anmache, die Besucher in touristischen souks so oft verärgert.
Freundlich bieten die Händler ihre Ware an, akzeptieren aber ebenso
ein freundliches "la shoukran" (nein, danke).
Die wenigen Ausländer, die sich auf diesen Markt "verirren" werden höflich, aufmerksam, oft fast schon freundschaftlich empfangen. Manch ein Bauer ist stolz, wenn ein Gast einen Apfel von ihm als Geschenk annimmt. Aber Touristen sollten auch ein wenig Respekt zeigen. Zwar lieben es viele Ägypter fotografiert zu werden, aber eine Frau ohne ihre oder die Einwilligung ihres männlichen Begleiters direkt zu fotografieren gilt als respektlos. Einige Frauen werden es rundweg ablehnen, als Foto-Motiv zu dienen, andere drehen sich schamvoll um, wenn sie eine Kamera in der Hand eines Fremden sehen. Aufpassen sollten Sie bei Jungs, die sich schnell in Positur stellen, denn bei denen kommt meist nach dem Klicken der Kamera sofort die Frage nach einem Bakschisch.
Der Markt von El
Qurna, er lohnt einen Ausflug am frühen Morgen. Vor allem Selbstversorger,
die ein privates Appartement gemietet haben, finden hier frische Waren
zu günstigen Preisen. Was es allerdings nicht gibt ist frisches
Fleisch. Und im Sommer auch nur ganz früh die frische, hausgemachte
Butter. "Wenn die Sonne steigt wird es zu heiß, die würde
schmelzen", sagt ein Händler. Denn Kühlschränke,
Strom- und Wasser-Anschlüsse gibt es auf dem Marktgelände
nicht.
Wir verlassen mit vielen anderen Kunden den Markt. Und überholen
noch ein paar mit Schafen vollbeladene Pick-ups. Die Sonne steigt höher,
der Markt leert sich und auch das Klick-Klick-Klick von Mohameds Schere
ist verstummt. Es ist Zeit für einen Tee im nächsten Kaffeehaus,
denn ein Marktbesuch macht durstig. Aber ein Besuch lohnt sich. Man
muß sich ja nicht gerade bei Mohamed die Haare schneiden lassen.
Informationen:
Der El Qurna souk ist dienstags und sonnabends von 5 bis etwa 10 Uhr morgens geöffnet. Sonnabends werden keine Schafe und Ziegen angeboten, keine Esel gschoren. Anfahrt aus Richtung Nil: Der Hauptstraße bis zum Kontroll-Punkt der Polizei folgen, rechts Richtung Quena abbiegen. Etwa drei Kilometer geradeaus bis El Qurna, dann links auf die Straße Richtung Tal der Könige abbiegen. Links ist das Krankenhaus, nach etwa 150 Metern rechts ab und einem kleinen Sandweg am Rande des islamischen Friedhofs folgen. Nach wenigen Schritten sehen Sie die ersten Stände. Achtung: Auf dem Marktgelände gibt es keine sanitären Anlagen. (Text Antje und Wolfgang Sliwka, Fotos Antje Sliwka)


