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Haremhab
- der König der durch die Pforten ging
Eigentlich war er ein Nobody, ein Mann ohne Herkunft. Ein Mann, der
es aus dem Nichts bis auf den Thron schaffte. Haremhab (ca. 1321 - 1293
v. Chr.), der letzte König der 18. Dynastie, war vielleicht so
etwas wie ein pharaonischer Überflieger. Mit seinem Grab "KV
57" (wissenschaftliche Kurzbezeichnung für "Kings Valley
No. 57") hinterließ er nicht nur eines der größten
Baudenkmäler im Tal der Könige, sondern vor allem für
Architektur-Interessierte ein besonders sehenswertes. Seit kurzem ist
es wieder geöffnet, allerdings nicht ständig. Beachten Sie
im Tal der Könige bitte den Plan am Eingang, unmittelbar links
hinter dem Karten-Häuschen. Nur auf dieser Karte finden Sie, welche
Gräber gerade geöffnet, welche geschlossen sind.
Die Besichtigung
des unvollendeten Grabes ist aber nichts für Gehbehinderte und
Menschen mit Atemproblemen. Rund 128 Meter führt ein Gang tief
in den Fels hinunter. Über 100 Stufen auf neuen Holztreppen sind
zu bewältigen, ehe die Grabkammer erreicht ist. Hinunter geht es
leicht, aber der Rückweg, der Aufstieg ist doch recht beschwerlich.
Die Anstrengung lohnt sich aber. Nur selten sind die Arbeitsschritte der Baumeister und Künstler in den Gräbern so genau nachzuvollziehen. Gerade weil es unvollendet ist. Da sind auf dem grauen Untergrund erste Gitternetze als Vorgabe für die Skizzen der Figuren zu erkennen. Dann Figuren, an denen Korrekturen vorgenommen worden sind. Und schließlich folgen farbenprächtige fertige Gemälde. "Hier können wir alle Baustufen für ein Grab genau nachvollziehen", schwärmt denn auch Mohamed El Bialy, Direktor der Antiken-Verwaltung für Ober-Ägypten. "Hier hat man das Gefühl,dieArbeiter und Künstler kommen gleich zurück."
Hat man erst einmal die Technik der Künstler verstanden, sieht man auch die vollendeten Dekorationen mit anderen Augen. Die sind wahrhaft königlich, gesteht selbst El Bialy beeindruckt ein: "Hier haben wir Szenen in unglaublich prächtigen Farben, die oft in starkem Kontrast stehen." Prächtig ist der richtige Ausdruck. Denn wer sich beispielsweise die Götterbildnisse von Osiris, Anubis, Horus, Ptah, Hathor oder Isis anschaut, könnte wirklich meinen, sie seien gerade porträtiert worden. Noch heute nach 3300 Jahren sind die Linien klar, die Farben brillant. Kleine künstlerische Meisterwerke, tief versteckt in den Felsen (Fotos unten: Haremhab in Begleitung von Göttinnen und Göttern).


Ein Meisterwerk und eine Besonderheit ist auch das sogenannte "Pfortenbuch", eine Variante des "Totenbuchs". El Bialy erklärt: "Es ist die Fahrt des Verstorbenen im Totenreich. Er muß eine Reihe von bewachten Pforten passieren, an jeder muß er eine Aufgabe bestehen, ein Problem lösen. Jede Pforte wird als eigenes Kapitel dargestellt." Zwölf solcher Kapitel finden sich im Grab des Haremhab. El Bialy ergänzt: "Es ist die erste bekannte Darstellung des Pfortenbuchs überhaupt." Vielleicht, weil Haremhab auch auf seinem Weg zum Thron eine ganze Reihe von Aufgaben zu lösen hatte?
Eine weitere Besonderheit dieser sehenswerten Grabanlage ist der vollständige Sarkophag aus Rosengranit mit Reliefs geflügelter Schutz-Göttinnen, der vier Horus-Söhne und Anubis (Foto unten), in dem der Herrscher bestattet worden sein soll. Allerdings wurde seine Mumie bisher nicht gefunden.

"KV 57" wurde am 25. Februar 1908 von Edward Ayrton, der für Theodore Davis arbeitete, entdeckt. Gemeinsam machten sich die Briten noch im selben Jahr an die Ausgrabungsarbeit. Leider wurden ihre Aufzeichnungen nie publiziert, die Manuskripte nie gefunden. Eine komplette Foto-Dokumentation stellte später der Engländer Harry Burton für das New Yorker Metropolitan Museum of Art zusammen, die Wanddekorationen wurden 1971 vom Schweizer Erik Hornung noch einmal in Farbe dokumentiert und publiziert.
Im
Herbst 1994 war das Grab nach ungewöhnlich starken Regenfällen,
die es teilweise überfluteten, geschlossen worden. In den folgenden
Jahren wurde es erneut restauriert, erhielt ein neues Belüftungs-System
und neue Holztreppen.
Haremhab, der Mann aus der Nähe des Fayyoum, diente schon unter Amenhotep III. (ca. 1386 - 1349 v. Chr.) beim Militär, wurde unter Echnaton (ca. 1350 - 1334 v. Chr.) Oberster Befehlshaber, stieg unter Tut-ench-Amun (ca. 1334 - 1325 v. Chr.) zusammen mit seinem Rivalen Eje (auch Aja oder Ay) zum Berater des Königs auf. Seine Ambitionen auf den Thron musste er allerdings zurückstellen. Nach dem Tod Tut-ench-Amuns heiratete Eje (ca. 1325 - 1321 v. Chr.) dessen Witwe, erhielt die Doppelkrone. Erst nach Ejes Tod erklärte sich Haremhab selbst zum König.
Als Befehlshaber hatte sich Haremhab in Sakkara schon ein erstes Grab bauen, es nach der Thronbesteigung sogar mit der königlichen Uräus-Schlange schmücken lassen. Aber nachdem er sich den Lebenstraum von der Doppelkrone erfüllt hatte, mußte auch seine Begräbnisstätte natürlich in königlicher Umgebung liegen, nämlich im Tal der Könige. Haremhab, sein Grab erinnert auch heute an den Aufstieg des Mannes aus dem Nichts zum Herrscher der Welt. (Text und Fotos Wolfgang Sliwka)