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Esel-Trip Teil I
Von
Sonnenstrahlen und Langohren
Ich
möchte Sie zurück versetzen in eine längst vergessene
Zeit. In eine Zeit ohne klimatisierte Reisebusse, ohne bequeme Taxis.
Wie mögen sich die Menschen von einem Ort zum anderen fortbewegt
haben? Wie erreichten die frühen Touristen, wie die Archäologen
auf der West Bank damals wohl ihr Ziel? Eine Idee? Richtig, auf dem
Esel-Rücken. Genau so können Sie auch heute noch Ihre Besichtigungstouren
unternehmen. So ein Trip auf den kleinen Grautieren ist ein Riesen-Spaß.
Und beim Ritt durch die Dörfer und Felder bekommen Sie einen ganz
anderen Eindruck vom Leben auf dem Lande als aus dem Bus oder Auto.
Und: Jeder - ob alt oder jung, Frau oder Mann, sportlich oder ungeübt
- kann einen "homar" (so heißt Esel auf Arabisch, kleine
"Eselbrücke": denken Sie nur an Homer, der in seiner
Ilias schon über das hunderttorige Theben schrieb, und schon fällt
Ihnen das Wort wieder ein) reiten. Zumal immer ein, bei größeren
Gruppen mehrere Führer dabei sind.
Am
schönsten und angenehmsten ist so ein Ausritt am frühen Morgen.
Kein Wunder, dass man um diese Zeit häufig Touristen-Gruppen hoch
zu Esel beobachten kann . Auch wenn immer wieder von den malerischen
Sonnenuntergängen in Ägypten erzählt wird, gönnen
Sie sich im Gegensatz dazu einmal die Besonderheit eines spektakulären
Sonnenaufgangs. Denn über der Stadt Luxor und dem Nil zaubert die
aufgehende Sonne besonders im Winter-Halbjahr Meisterwerke an den Himmel.
Jeden Morgen neu, jeden Morgen anders. Mal
rosarot,
mal feuerrot, ein anderesmal gelb-orange. Wenn Sie Glück haben,
verwandelt sie die westlichen Berge in eine rote Sinfonie, setzt sie
fast in Flammen wie in unserem Logo. Hinzu kommt die unbeschreibliche
Stimmung des jungen Morgens, des langsam erwachenden neuen Tages mit
ihrer ganz eigenen Geräusch-Kulisse. Frühaufsteher werden
garantiert mit unvergesslichen Eindrücken und Erlebnissen belohnt.
Begleiten Sie mich, Antje, meine Schwester Christel und ihre Freundin Karola auf einem Morgenritt. Ich konnte unsere beiden Gäste – beides übrigens Großstadt-Pflanzen aus Hamburg und Berlin - gleich zu Beginn ihres Urlaubs dazu überreden, obwohl sie doch ein wenig skeptisch waren. Ich habe diese Tour inzwischen mehrfach – meistens allerdings zum Sonnenuntergang – mit städtischen Esel-Neulingen unternommen, alle waren begeistert.
Wie
abgemacht steht um 6 Uhr früh für jeden von uns ein "ägyptischer
Mercedes", wie die Einheimischen Esel gerade gegenüber Deutschen
gern scherzhaft bezeichnen, wie verabredet vor unserem Haus bereit.
Plus unserem – auch noch etwas verschlafen
aussehenden
Begleiter Haggag nebst Reittier.
Bevor
wir aufsitzen aber noch ein Blick gen Osten über den Nil. Wer schon
so früh aufgestanden ist, sollte sich einen Moment für den
Sonnenaufgang zum Einstimmen auf den Tag auf jeden Fall gönnen,
zur Erinnerung ein paar Fotos schießen. Lang dauert es nämlich
nicht, denn genauso schnell wie die Sonne am Abend versinkt, steigt
sie am Morgen auf. Nur ein paar Minuten und das besondere Fotomotiv
ist verpasst.
Die Bilder
sind im "Kasten", die Kameras gut verstaut. Höchste Zeit,
unser Esel-Abenteuer zu starten. Also nichts wie rauf auf die kleinen
Grautiere.
Für unser Wohlbefinden, unseren Komfort tragen die Esel gepolsterte Sättel (auf den Fotos links, aufgenommen später mit zwei jungen Damen aus Leipzig, gut zu sehen). Haggag ist Kavalier, assistiert uns nicht mehr ganz jungen "Ladies" beim Aufsteigen, denn ganz so klein wie von Ferne sind die Langohren wenn man näherkommt nun doch wieder nicht. Zugegeben, ich habe vorher schon einmal geübt, führe den mir Zugedachten ganz unauffällig an ein kleines Mäuerchen und komme ohne Hilfestellung rauf.
Dann bekommen wir eine kleine theoretische Lektion, die unsere leider namenlosen Reittiere (nennen wir sie einfach alle Ali Baba) gleichmütig und geduldig über sich ergehen lassen. Wie oft haben sie die wohl schon gehört. Abbiegen oder die Laufrichtung ändern? -Zügel rechts oder links ziehen. Anhalten? - Beide Zügel straff anziehen und ein energisches "Hosh" rufen. Tempo beschleunigen? - Kräftig schnalzen, mit den Beinen schlenkern, um dem Wunsch Nachdruck zu verleihen. Ja, und das ist eigentlich auch schon alles was man wissen muss.
Sitzen
alle bequem? Dann nichts wie los.
Unser
Ziel ist der prächtige Totentempel von Ramses III., Medinet Habu.
Jeder Führer hat für seine Touren seine ganz persönliche
Route, so auch Haggag. Für alle gilt, die asphaltierte Hauptstraße
wenn's irgend geht zu meiden, überwiegend kleine Wege und Straßen
durch die Dörfer und Felder zu wählen. Zum einen ist das für
unbeschlagene Eselhufe angenehmer, zum anderen bekommt man als Reiter
etwas vom echten Dorfleben zu sehen.
Wir reiten zunächst durch "unser" Dorf El Gezira, folgen dann einem Sandweg parallel zur Hauptstraße. Jeder von uns Vieren hat offensichtlich eine andere Ausführung des "ägyptischen Mercedes" zugeteilt bekommen. Christel und Karola die mit der "Basis-Ausstattung", ich die etwas temperamentvollere "C-Klasse" und Haggag – ganz klar – die mit dem "Turbo-Antrieb".
Und
alle haben auch ihren eigenen Willen. Christels, obwohl nicht der schnellste,
will am liebsten die Führung übernehmen. Das gefällt
ihr als blutige Anfängerin allerdings überhaupt nicht. "Antje,
Antje, reite mal vor", bittet sie. Na klar, gern.
Christel
ruft "Hosh, hosh", ich lasse anfeuerndes Schnalzen hören.
Natürlich verstehen unsere vierbeinigen Freunde die Befehle genau
falschherum. Christels gibt Gas, meiner will anhalten. Also ein weiterer
Versuch. Ich werde etwas energischer und schon klappt es. Ich ziehe
flott an Christel vorbei, übernehme die Spitze. Aber wo bleibt
denn Karola? Ich schaue nach hinten, entdecke sie und ihren Esel auf
einer Hausveranda. Was gibt es dort wohl besonderes? Leckere Topfpflanzen
oder eine Spur zu einer Eselin? Natürlich verrät er es nicht,
folgt schließlich wenn auch etwas unwillig Haggag zurück
auf den für uns rechten Weg.
Bevor wir am Polizei-Check-Point kurz vor dem Dorf New Qurna wieder auf die Hauptstraße kommen, ist unser kleiner Verein komplett. Hier müssen wir die große Kreuzung überqueren, die zu so früher Morgenstunde verkehrstechnisch aber noch relativ unbelebt ist. Angst müssen wir aber sowieso nicht haben. Denn erstens sind unsere Esel absolut verkehrssicher und zweitens nehmen alle motorisierten Verkehrsteilnehmer aber auch die Polizisten Rücksicht auf uns, lassen uns galant die Vorfahrt. Und Haggag auf seinem "Turbo"-Esel ist ständig um uns herum. Mal am Ende unserer "Karawane", mal daneben, mal vorneweg. Dabei fällt Christel und Karola eine ganz neue Beschreibung für die Esel ein. "Guck doch mal die zierlichen Hinterbeine an. Die trippeln, tänzeln ja wie eine Ballerina!! Wie graziös sie laufen", sind die entzückten Kommentare der Großstadt-Ladies. Netter kann mans wirklich kaum sagen. (Text und Fotos Antje Sliwka)