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Die
"Stätte der Wahrheit und des Wissens"
Deir
El Medina – das sind die Ruinen eines Dorfes (Foto rechts), gebaut im
Neuen Reich (ca. 1570 - 1070 v. Chr.) aus grauen Nilschlamm- Ziegeln in einem
versteckten Wüstental vor der gewaltigen Kulisse der Thebanischen Bergkette.
Aber das sind auch kleine, prächtig dekorierte Privatgräber, ein
später von Ptolemäus IV. (222 - 205 v. Chr.) hinzugefügter
kleiner Tempel (Foto unten links) und eine mächtige antike Zisterne.
Über Jahrhunderte galt Deir El Medina als ein Ort des geheimen Wissens,
als ein Ort des Schweigens, genannt "set ma’at", die "Stätte
der Wahrheit". Danach war er lange vergessen.
Heute gehört
der Besuch von Deir El Medina unserer Meinung nach zu den Attraktionen auf
der West Bank. Denn immer noch ist mit etwas Gespür der besondere Geist
dieses Ortes und seiner Bewohner zu erahnen. Kein Wunder, dass das Dorf selbst,
aber vor allem die Dokumentationen, die anhand der Inschriften auf dort gefundenen
Papyri und tausenden von Ostraka gemacht werden konnten, auch Schriftsteller
inspirierten. So wie den französischen Bestseller-Autor Christian Jacq,
der mit seinem Roman-Zyklus "Ramses II." Weltruhm erlangt. In seiner
vierbändigen Erzählung "Stein des Lichts" (in deutscher
Sprache erschienen in der Verlagsgruppe Bertelsmann) machte er Deir El Medina
zum Hauptschauplatz, machte Ägypten und Luxor bei der Weltpremiere im
Frühjahr 2000 am Ort der Handlung in "set ma’at" sozusagen
eine Liebeserklärung. Und sicher trägt dieses Epos, bei dem es um
Macht und Intrigen, Liebe und Magie geht, dazu bei, Neugier zu wecken, den
Ort des Geschehens einmal mit eigenen Augen zu sehen.
Deir el
Medina, über Jahrtausende ein vergessenes Dorf. Von Thutmosis I. (ca.
1524 - 1518 v. Chr.) wurde die sogenannte "Bruderschaft" gegründet.
Hier lebten über ein paar Jahrhunderte knapp 100 Familien, die Bildhauer,
Steinmetze, Zeichner, Maler, Stukkateure, die alle ein Geheimnis kannten:
Die Lage, Fallen und Ausstattungen der Pharonengräber in den Tälern
der Könige und der Königinnen. Von der Außenwelt wurden sie
abgeschirmt, lebten in völliger Isolation. Versorgt wurden die Nekropolen-Arbeiter
von Helfern, die das Dorf nicht betreten durften, sowie von Zuträgern,
die Lebensmittel und Getränke, Werkzeuge und Arbeitsmaterial brachten.
Diese Isolation öffnete Spekulationen über geheimes Wissen, über
magische Kräfte und verborgene Reichtümer bei den Außenstehenden
Tür und Tor. Aber geschützt wurde die "Bruderschaft" durch
den König höchstpersönlich. Diese Protektion machte das Leben
für die Bewohner des Dorfes sicher.
Herrlicher
Stoff für Romane. Doch die Figuren in Jacqs Werk sind nicht alle seiner
Phantasie entsprungen. Sie haben tatsächlich gelebt, tauchen in ausführlichen
Dokumentationen auf. Auf antiken Papyri, vor allem aber auf den massenweise
gefundenen Ostraka, den Ton- und Steinscherben, die für Notizen und Übungen
verwendet wurden. Scherben, die Momente des täglichen Lebens vermitteln.
So belegen sie zur Zeit Ramses III. (ca. 1182 - 1151 v. Chr.) den ersten bekannten
Arbeiterstreik. Nachdem die Versorgungs-Lieferungen ausblieben, legte die
"Bruderschaft" solange die Arbeit nieder, bis wieder Lebensmittel
im Tal eintrafen. Hinzu kommen die Malereien in den während der Freizeit
angelegten und ausgeschmückten Privatgräbern, die ein klares Bild
vom Alltagsleben in der Siedlung widerspiegeln. In den Aufzeichnungen wird
das Dorf mit einem Schiff verglichen. Einem Schiff das auf den Wellen der
Kreativität segelt, dessen Mannschaften quasi in "Backbord"
und "Steuerbord" aufgeteilt waren. In Zehn-Tage-Wochen wechselten
sich diese Arbeits-Trupps ab. Aber auch die von Jacq verwendeten Namen wurden
zum Teil überliefert. Von den "Chefs" des rechten und des linken
Teams sowie der meisten Handwerker und Künstler, die während der
Periode, in der "Stein des Lichts" spielt, in "set ma’at"
gearbeitet haben.
Aber die
antiken "Notizzettel" bieten nicht nur Stoff für phantasiebegabte
Schriftsteller, sondern vor allem natürlich für nüchterne Wissenschaftler.
Denn selten gibt es an einem Ort so eine Fülle an Informationen über
das "normale" Leben – in diesem Fall von etwa 100 Familien
– die Verwaltung eines Dorfes oder die kommunale Gerichtsbarkeit. Etwa
10.000 Ostraka mit nichtliterarischem Inhalt - überwiegend aus der Ramessiden-Zeit
- wurden in Deir El Medina und der Umgebung geborgen. Da nur ein kleiner Teil
der Masse an Texten bisher publiziert wurde, viele davon lediglich in hieroglyphischer
Transliteration vorliegen, wurde im September 1999 unter Leitung von Prof.
Dr. Günter Burkard an der Universität München ein voraussichtlich
fünf Jahre laufendes Deir-El-Medina-Projekt gestartet. Mit dem Ziel,
unter anderem eine überschaubare Gruppe von Texten detailliert nach einem
einheitlichen Schema zu beschreiben, hieroglyphische Transliterationen und
phonetische Transkriptionen zu dokumentieren, ein komplettes Lexikon der in
den Ostraka belegten Wörter zu erstellen. Damit wollen die Münchener
ein solides, jederzeit erweiterbares Instrumentarium für die wissenschaftliche
Arbeit schaffen. Etwa 480 Stücke, der überwiegende Teil aus der
Sammlung des Ägyptischen Museums in Berlin, werden bearbeitet. Wer sich
eingehender mit diesem Projekt befassen möchte, sollte sich die Internet-Seite
http://www.fak12.uni-muenchen.de/aegyp/dem.html anschauen, auf der es ausführlich
beschrieben wird.
Aber
alles Lesen ersetzt natürlich nicht das individuelle Erlebnis vor Ort.
Selbst durch die Dorfstraßen zu schlendern, in die Ruinen der Häuser
zu gucken, den denen zum Teil noch die Treppen erhalten sind, sich treiben
lassen, das verleiht der Phantasie Flügel. Vielleicht vernehmen Sie dann
ja sogar das Lachen spielender Kinder, das Geplauder unter Nachbarinnen oder
das Hämmern aus den Werkstätten. Und vom Dach des Ma’at und
Hathor geweihten kleinen Tempels, in dem in frühchristlicher Zeit koptische
Mönche lebten, bietet sich Ihnen ein phantastischer Blick über das
Dorf. Dann sind da natürlich noch die kleinen, kunstreich und liebevoll
dekorierten Gräber von Peshedu, Sennodjem, Inerkha und Ipui (nicht immer
sind alle vier geöffnet), von denen Sie mindestens eines besichtigen
sollten, um einen kleinen Eindruck zu bekommen. Denn wer für die Ausarbeitung
der königlichen Gräber zuständig ist, hat es auch seiner eigenen
letzten Ruhestätte nicht an Sorgfalt bei der Ausschmückung mangeln
lassen. Bezaubernde Szenen berichten hier vom Leben der Dorf-Gemeinschaft,
daneben sind natürlich auch eine ganze Reihe religiöser Darstellungenzu
finden. Und schauen Sie sich die Gräber auch von außen an: Viele
wurden mit einer kleinen Pyramide "gekrönt"(Foto rechts).
Das
Erlebnis Deir El Medina lässt sich aber noch verlängern. Sie können
sich nämlich von dort aufmachen und den Spuren der Arbeiter folgen bis
ins Tal der Könige oder ins Tal der Königinnen. Neben dem heutigen
Aufgang zur Anlage führt eine moderne Treppe (Foto links) auf den Berg
(angelegt für die beiden Polizei-Stationen). Bei der ersten Station auf
halber Höhe angelangt, erreichen Sie die alten Bergpfade. Der nach links
führt ins Tal der Königinnen, der nach rechts ins Tal der Könige,
von dem eine Abzweigung den einen oder anderen noch zum einem Abstieg zum
Hatschepsut-Tempel verleiten mag. Eine Wanderung die wir nur jedem empfehlen
können, denn dabei sieht man viele der Monumente der West Bank einmal
aus einer ganz anderen Perspektive (Foto ganz unten mit Dorf und Tempel von
Deir El Medina und im Hintergrund dem Ramesseum). Wer sich zu diesem Berg-Spaziergang
entschließt, sollte deshalb auf keinen Fall seinen Foto-Apparat vergessen.
Übrigens ist es auch möglich, diese Tour mit einem guten Führer
per Esel zu machen.
Information
Die Tickets
für 12 LE bekommen Sie im nahegelegenen Ticket Office, sie beinhalten
auch den Besuch von zwei Gräbern und des Tempels. Ein oder zwei LE
Bakschisch an den Tempel-Wächter erleichtern es, aufs Dach zu klettern.
Denn meistens sperrt er die Treppe ab, erzählt, dass es nicht erlaubt
ist, hinaufzusteigen. In den Gräbern darf nicht fotografiert werden,
die Kamera müssen Sie abgeben. Öffnungszeiten: Sommer 06 –
18 Uhr, Winter 06 – 17 Uhr. (Text und Fotos Antje Sliwka)

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