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Schweben über der Vergangenheit (Teil I)


Sie möchten die West Bank von Luxor mit ihren Monumenten auf einen Streich? Die Sehenswürdigkeiten aus der Vogel-Perspektive getrachten, in aller Ruhe, ohne Gedränge und lange Vorträge? Dann ist ein Ausflug in einem Heißluft-Ballon garantiert etwas für Sie. Ich habe es für Sie ausprobiert, möchte Ihnen mit meiner Geschichte in Wort und Bild dieses Erlebnis auf meine persönliche Art beschreiben. Begleiten Sie mich doch einfach.

Nichts für Morgenmuffel

Etwas ausgefallenere Unternehmungen auf der West Bank scheinen für mich immer häufiger in den ganz frühen Morgenstunden zu beginnen. Wieder einmal stehe ich noch vor Sonnenaufgang am abgemachten Treffpunkt. Trotz der Uhrzeit bin ich etwas zu früh, muss noch ein wenig warten. Nur wenige Ägypter sind schon auf den Beinen, sind wegen der niedrigen Morgen-Temperaturen im Dezember bis zur Unkenntlichkeit in ihren dicken langen Schals vermummt. Einer wartet auf eines der noch spärlich fahrenden Service-Taxis, murmelt einen verschlafenen Gruß, fragt nervös nach der Uhrzeit. Der nächste ist ein Jugendlicher hoch zu Esel mit einem zweiten Vierbeiner hinter sich. Er ist schon etwas wacher, fragt mich lachend, ob ich ein Taxi möchte. Seinen Zweitesel nämlich.

Endlich kommen zwei Mini-Busse, die mich "einfangen" sollen. Guten Morgen, Good Morning, sabah al cher, Welcome, How are you, klingt es aus ausgeschlafenen ägyptischen, müden westlichen Gesichtern. Eines davon gehört, wie sich nach der Vorstellung herausstellt, Ahmed Mahmoud, seines Zeichens Inhaber von "Magic Horizon Balloons" und natürlich Pilot. Ich kannte ihn bis dahin nur vom Telefon, den roten Ballon durch Beobachtungen von unserem Dach aus (Foto rechts). Obwohl vorher alles besprochen war, ist er zunächst etwas skeptisch, einem weiblichen Wesen allein gegenüber zu stehen. Ohne den Ehemann, der bei ihm im Büro gewesen war. Wer macht denn die Fotos und wer schreibt die Geschichte? kommen seine nervösen Fragen. Ich beruhige ihn, kläre ihn auf, dass auch ich seit über 20 Jahren Journalistin und in der Lage bin, zu fotografieren. Denn er bietet an, mich mit Fotos aus seinem Büro zu versorgen (was für mich natürlich nur im - nicht eingetretenen - Notfall in Frage gekommen wäre. Schließlich haben nicht nur Piloten, sondern auch Journalisten ihre Berufsehre). Wir scherzen ein wenig herum, ich erzähle ihm, dass ich Ballon-Fahren - wie wir es in Deutschland nennen - bereits von dort kenne. Das beruhigt Ahmed endgültig, obwohl ihm das Wörtchen "fahren" überhaupt nicht behagt, offensichtlich seine Berufsehre kränkt. "Ich bin doch Pilot und kein Taxi- oder Fahrrad-Fahrer!" erklärt er mir. Ja, auch in Deutschland sind die "Fahrer" Piloten, nur sie fliegen nicht, sondern fahren den Ballon. Letztlich muss er doch gutgelaunt über die Wort-Klauberei lachen.

Wie es sich gehört, gibt er mir auf dem Weg zum Start-Platz in Kurzform die nötigen Instruktionen, ohne die man auf keinen Fall eine Ballon-Fahrt (Flug) starten sollte. Während der Nil-Überquerung wurden die anderen Gäste schon von Ahmeds Bruder Bahaa, Chefpilot und Betriebsmanager von "Magic Horizon Balloons" und heute unser "Fahrer", ausführlich über alle Sicherheitsregeln instruiert - bei Kaffee und Kuchen -, haben mit ihrer Unterschrift bestätigt, dass sie alles verstanden haben. Ahmed begutachtet nun meine Kleidung, meine Schuhe, befindet sie für gut und angebracht. Wander- oder Turnschuhe sind bei diesem Unternehmen angesagt, keine Stöckelschuhe oder Sandalettchen. Am wichtigsten aber: Im Ballon herrscht absolutes Rauchverbot und nichts außer dem Korb, etwa Leinen, Hebel oder gar die Hülle berühren. Und falls die Landung einmal nicht so ganz sanft ausgeht: An den Schlaufen innerhalb des Korbes festhalten, den Kopf möglichst unter die dick gepolsterte Korbumrandung halten, um Verletzungen zu vermeiden. Alles klar.

Weckzeit für einen Riesen

Wir erreichen den Startplatz. Auf einem unbewirtschafteten Feld ist eine große Plane ausgelegt, darauf liegt wie ein umgefallener oder schlafender Riese der erst dreiviertel mit Heißluft gefüllte Ballon. Aber die Flammen aus dem Brenner zischen, schleudern ihre unglaubliche Hitze mit viel Getöse in die sich immer weiter aufblähende knallrote Hülle (Foto links). Der Riese scheint zum Leben zu erwachen, hebt sich ganz gemächlich an. Aber er ist noch gefesselt. Mit Stricken die von den vielen Händen der Mitglieder des Bodenteams straff gespannt gehalten werden. Winzig sehen sie neben der gigantischen Stoff-Blase aus. Aber sie halten den Riesen in Schach, lassen immer wieder etwas Leine nach, damit er sich aufrichten kann, ganz allmählich den liegenden Passagier-Korb mit dem Navigations- und Gas-Regulierungs-Gestänge in die korrekte Position zum Einsteigen bringt. Aber ständig unter Kontrolle des Teams bleibt und von ihm mit hilfreichen Handgriffen unterstützt wird.

Natürlich wird alles - wie es sich in Ägypten gehört - begleitet mit vielen Worten, Gesten und Lachen. Ein fröhliches, perfekt aufeinander eingespieltes Team arbeitet hier zusammen. Etwa 20 junge Männer, denen das Aufstehen mitten in der Nacht absolut nichts auszumachen scheint, die Spaß an ihrer Arbeit haben. Und zwischen dem Lachen immer wieder das Fauchen, wenn ein neuer Feuerstoß in die rote Hülle steigt, sie immer praller werden lässt. Wir Passagiere halten respektvollen Abstand, aber die Hitze der Flamme erreicht uns noch, wärmt uns ein wenig auf. In dem Glutofen neben dem Riesen nehmen Ahmed und Bahaa Mahmoud sowie ihre Kollegen das gesamte technische Equipment noch einmal genauestens unter die Lupe. Sicherheit ist beim "Ballooning" oberstes Gebot.

Langsam beginnt der Morgen zu dämmern, die Sonne sucht ihren Weg über den Horizont. Mit einem Blick zum langsam heller werdenden Himmel entdecke ich einen Schwarm Störche (Foto links), der in Pfeil-Formation gen Süden zieht. Ein faszinierendes Bild, das ich gerade noch mit meiner Kamera erwische. Ein Blick gen Osten zeigt nun, dass auch die Sonne ihr Tagewerk beginnt (Foto unten). Ein Anblick, der mich (fast) jeden Morgen wieder in den Bann schlägt. Ganz klar, dass meine "Digicam" sie auch an diesem Morgen auf ihren Chip bannt.

Aber nun ist es soweit, wir, die nationalitätenmäßig bunt gewürfelte Gruppe von Passagieren sind dran. Es heißt einsteigen, besser gesagt einklettern. Aber es gibt genügend hilfreiche und starke Arme, die uns assistieren. Jeder von uns bekommt in den kleinen gepolsterten "Separeés" des Korbes seinen Platz zugewiesen. Der Korb erinnert mich an die in Deutschland so beliebten Weidenkörbe für den Transport von Flaschen. Natürlich in größeren Dimensionen, aber schön in einzelne Fächer aufgeteilt und bequem gepolstert. Das "Mittelfach" bleibt dem Piloten vorbehalten, hier sind sämtliche Armaturen in erreichbarer Nähe angebracht, die er zum Navigieren unseres roten Riesen benötigt. Drum herum ist Platz für zwölf Flaschen, oh, sorry, natürlich meine ich Passagiere.

Noch wird der rote Riese vom Bodenteam mit Stricken von allen Seiten "gebändigt". Aber eine Leine nach der anderen wird gelöst, bis wir nach erneuten Feuerstößen ganz, ganz sachte vom Boden abheben. So sachte, dass man es überhaupt nicht spürt, wenn man gen Himmel oder in Richtung der Bergkette im Westen schaut, so wie ich. Erst als ich das versammelte Bodenteam mit Trommeln "bewaffnet" bei ihrem Abschiedssong höre, auf den Boden sehe, merke ich, dass wir schon ein paar Meter in die Luft gegangen sind (Fotos unten mit Ahmed in der braunen Jacke).

Abheben und schweben

Ganz, ganz langsam entfernen wir uns von Mutter Erde, steigen in den Himmel auf. Unglaublich sanft beginnen wir zu schweben, lautlos bis auf die hin und wieder nötigen Flammen zum Erhitzen der Luft im Ballon. Das Feuer von innen und die Sonne von außen bringen die rote Hülle optisch fast zum Glühen. Auch das muss unbedingt auf den Chip. Aber dann heißt es nur noch schauen. Den Blick schweifen lassen über die grandiosen Tempel-Anlagen und die zerklüfteten Berge, über die fruchtbaren grünen Felder auf der einen, die karge Wüste auf der anderen Seite. Dazwischen immer wieder die bunten Häuser der Dörfer und wie dunkle Bänder die wenigen Asphaltstraßen, die zu den Monumenten führen. Alles schrumpft zur Spielzeuggrößen zusammen, je höher wir steigen.

Es ist ein überwältigender Anblick, die ganze West Bank so zu überschauen. Im Osten kann man über den Nil bis hin zur Stadt Luxor sehen, zwar ein wenig im morgentlichen Dunst, aber immerhin. Im Westen versperrt unbarmherzig die schroffe Bergkette den Weitblick. Dafür aber werden die Berge und der Totentempel von Königin Hatschepsut in die Strahlen der aufgehenden Sonne getaucht, während das Ramesseum und die Felder noch im kühlen Schatten liegen (Foto ganz oben), überzogen mit einem rötlichen Schimmer. Ein Bild, das sich mir für immer einprägen wird.

Je höher die Sonne steigt, umso deutlicher werden die Konturen der Sehenswürdigkeiten. Der Schatten unseres Ballons begleitet uns, folgt uns über Felder, Berg- und Tempel-Wände. Wir sinken ein wenig tiefer, schweben dem Ramesseum und den Memnon-Kolossen ein wenig entgegen. Noch herrscht kein Touristen-Bus-Betrieb, die Parkplätze sind noch gähnend leer. Das wird sich schnell ändern, aber dann haben wir vermutlich schon wieder festen Boden unter den Füßen, das erste Abenteuer des Tages schon erlebt und genossen.

Ganz unmerklich haben uns Thermik und Wind, die sind beim "Ballooning" nämlich die unverzichtbaren, natürlichen "Dirigenten" in Sachen Fahrt-(Flug-)Richtung - südlich getrieben. Wir schweben entlang der scharfen Grenze von Fruchtland und Wüste dem Tempel von Medinet Habu entgegen. Und sinken dabei immer mehr dem Boden zu. Unser Begleiter, der Ballon-Schatten wir immer größer (Foto links), ist jetzt nicht mehr Verfolger, sondern Vorreiter. Ein Zeichen für die Abdrift von der Sonne, die jetzt in einem völlig anderen Winkel zu uns steht. Aber auch ein Zeichen, dass sich unser Morgen-Abenteuer dem Ende nähert - immerhin sind wir schon fast eine Stunde in der Luft. Über dem Habu-Tempel sind wir bereits so tief, dass wir ihn beinahe mit den Händen greifen können. Aber nur beinahe. Noch ein, zwei Feuerstöße und wir gleiten problemlos darüber hinweg. Die Hüter des Tempels grüßen uns, haben wir sie etwa geweckt? Touristen jedenfalls sind noch nicht zu entdecken. Nachdem wir den Tempel wohlbehalten passiert haben, sind wir wieder über der Wüste. Auf der Piste nahe dem "French House", dem Haus der französischen Forscher, sehen wir schon unsere Minibusse, die - ständig mit dem Piloten per Funk in Kontakt - uns immer gefolgt sind, um rechtzeitig an der richtigen Stelle der Landung zu sein. Wir hatten sie vorher gar nicht bemerkt. In kurzer Distanz zum alten christlichen Friedhof berührt der Korb mit einem kleinen Ruck den Boden, macht noch einen klitzekleinen Hopser vorwärts und kommt zum Stehen (Foto links: Das Schattenspiel unserer Landung). "Happy Landing" tönt es uns entgegen. Es klingt wie ein Glückwunsch an uns Passagiere, als ob wir etwas zum sicheren Zubodengehen aktiv beigetragen hätten. (Text und Fotos Antje Sliwka)

 

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